Im Zürichbergquartier regt sich Widerstand

Irène Troxler, 29.1.2016, 11:21 Uhr

Der Architekt Heinz Oeschger kritisiert die Pläne fürs Hochschulgebiet aus städtebaulichen Gründen. Hochhäuser am Zürichberghang seien zu vermeiden.

Von der kleinen Aussichtskanzel an der Ecke Moussonstrasse/Gloriastrasse hat man einen ausgezeichneten Blick über das Zürcher Hochschulquartier. Mit ausgestrecktem Arm zeigt Heinz Oeschger auf die Kuppel der Universität und macht dann eine ausladende Bewegung. Der Architekt, dessen Büro wenige Meter entfernt an der Voltastrasse liegt, deutet auf die Teile der Stadt Zürich, des Üetlibergs und des gut hundertjährigen Universitätsgebäudes, die künftig vom neuen Hochhaus des Universitätsspitals verdeckt sein werden, wenn man von dieser Kanzel über Zürichs Skyline blickt.

Nicht wegen der Aussicht

Oeschger gehört zu den Kritikern der Pläne des Kantons für das Hochschulgebiet. Diese Kritiker, die meist am Zürichberg wohnen, haben sich bis heute vor allem an zwei Informationsveranstaltungen zum Masterplan zu Wort gemeldet und im Vernehmlassungsverfahren von 2014 entsprechende Anträge zur Änderung des kantonalen Richtplans gestellt. Bei der Kritik an den Plänen von Hochschulen, Universitätsspital und Kanton gehe es nicht darum, dass den Bewohnern des Zürichbergs die Aussicht genommen werde, beteuert Oeschger. Vielmehr habe man es versäumt, eine seriöse städtebauliche Studie zu machen, und nur geprüft, ob sich die nötigen Volumen auf den Grundstücken unterbringen liessen, bemängelt er. Wie die bekannte Bausünde des Frauenspitals bereits in den siebziger Jahren gezeigt habe, gehörten Hochhäuser nicht an eine Hanglage. Die geplante Bebauung sei zu dicht und punktuell zu hoch, findet Oeschger, der selbst mehrere städtebauliche Studien zu den Quartieren Fluntern und Oberstrass verfasst hat.

Kritik am Städtebau

Besonders am geplanten Hochhaus für das Universitätsspital an der Gloriastrasse und an jenem im sogenannten Gloriarank für die Universität stören sich die Kritiker des Masterplans. Sie erreichen eine Höhe von 525 beziehungsweise 510 Metern über Meer, was deutlich höher ist als die Kuppel der Universität und sogar höher als die Terrasse der Kirche Fluntern, die Hochstrasse und der Vorderberg, die alle auf zirka 505 Metern über Meer liegen. Für den Architekten ist klar: «Diese Hochhäuser müssen weg.»

Die Bebauung sei grundsätzlich falsch angeordnet, findet Oeschger. Zwar verspreche der Kanton, mit der neuen Sternwartstrasse einen Boulevard anzulegen, der mit 22 Metern annähernd so breit wie die Bahnhofstrasse sei. Angesichts der geplanten Gebäudehöhen von gegen 30 Metern werde dieser aber schattig und eng. Da ihn weder die Anbindung an die Universitätsstrasse noch an die Gloriastrasse überzeugt, spricht er von einer «autistischen Achse». Grundsätzlich begrüsst es Oeschger, dass um die Sternwarte der ETH ein kleiner Park entstehen soll. Die umliegenden hohen Bauten würden diesen aber ersticken, findet er.

Riegel trennen Quartier ab

Weiter stört ihn, dass die Bauten als horizontale Riegel angelegt werden sollen, so dass sie den Zürichberg von der Stadt trennen. Heute habe das Quartier aber vertikale Bewegungs- und Sichtachsen. Diese gewährleisteten auch die Zirkulation der Luft bis in die Innenstadt. Als gelungenes Beispiel, wie man an Hanglagen grosse Volumen realisieren kann, nennt Oeschger das GLC-Gebäude der ETH, das zurzeit unterhalb der Voltastrasse im Bau ist. Auch dieser Neubau dient medizintechnischer Forschung, schmiegt sich aber eng an den Hang.

Aus städtebaulicher Sicht gehörten hohe Bauten an die Rämistrasse, sagt Oeschger, «unsere Ringstrasse», wo mit der Universität und der ETH auf der Südwestseite bereits eine dichte Bebauung bestehe. Es gebe triftige Gründe für den Erhalt des architektonisch hochstehenden Spitalbaus der Architekten Haefeli Moser Steiger aus den 1940er Jahren. «Diese Bauten sollten jedoch nicht als heilig angesehen werden, wenn ihretwegen Hochhäuser in der genannten Dimension in den Hang gestellt werden müssen.» Er gibt zu bedenken, dass das Hochhaus des Spitals nicht nur 65 Meter hoch geplant sei, sondern auch 80 Meter lang. Unter diesen Umständen müsste man zumindest erwägen, auch einen Baukörper in den heutigen Park zu stellen. Dieser werde ja durch den Wegfall der Parkplätze sehr gross. «Wenn die Spitalbauten ihn aber künftig von drei Seiten sackgassenartig umschliessen, wird das kein attraktiver Grünraum», findet Oeschger.

Ein weiterer Kritikpunkt von Quartiervertretern ist, dass in der Öffentlichkeit vor allem über den Gesundheits-Cluster gesprochen wird, der nach dem Zürcher Spitalgründer «Berthold» genannt wird. Kaum Erwähnung finde hingegen, dass beispielsweise die Universität im Rahmen des Masterplans auch andere Neubauten plane, die nichts mit Medizin zu tun hätten, etwa Räume für die Wirtschaftswissenschaften auf dem Areal Wässerwies. Für solche Nutzungen gebe es den Campus Irchel, gibt Oeschger zu bedenken. Und die ETH habe den Hönggerberg.

Das Projekt verschlanken

Das Projekt könne also durchaus verschlankt werden, da nicht alle Nutzungen zwingend im Stadtzentrum untergebracht werden müssten, sagt Oeschger. Auf die Hochhäuser könnte man so verzichten, davon ist er überzeugt. Dies wäre seiner Ansicht nach auch betrieblich sinnvoll, zumindest für das Spital. Im Spitalbau würden heute weltweit kaum noch Hochhäuser erstellt. Flachere Bauten erleichterten die betrieblichen Abläufe, sagt er und verweist auf den geplanten Flachbau des neuen Kinderspitals auf der Lengg. Auch die Frage, ob die Bebauung von Haefeli Moser Steiger und der Spitalpark erhalten werden könnten, beantworte sich von selbst, wenn Nutzungen ausgelagert würden.

Grundsätzlich, so Oeschger, hätten die meisten Zürichberg-Bewohner Sympathien für die Ausbaupläne der Hochschulen und des Universitätsspitals. Die momentan geplanten Bauten würden das Quartier am Hang aber vollends zum Hinterland machen und visuell von der Stadt abtrennen. Daher sei das Vorhaben zu redimensionieren und die Stufe Städtebau sei zu erarbeiten, bevor solche Volumen in einem Richtplan auf 30 Jahre hinaus fixiert würden, fordert der Architekt.