Analyse     Die Planung des neuen Hochschulquartiers in Zürich läuft am Volk vorbei, obwohl sie das Stadtzentrum einschneidend verändert.
Von Jürg Rohrer

Der Ausbau des Zürcher Hochschulzentrums, der die Nutzflächen von ETH, Universität und Unispital um maximal 40 Prozent vergrössern könnte, trägt den Namen «Berthold». Das passt. Weil dieser Name erst einmal unverständlich ist und weil er, wenn man die Erklärung kennt, genau das herrschaftliche Gefälle benennt, das dieser Planung innewohnt. Berthold hiess der Zähringer Herzog, der um 1200 das erste Spital in Zürich gründete.

Unverständlich ist zum Beispiel, dass die federführende Baudirektion das Projekt für «städtebaulich verträglich» hält, während der Präsident des Spitalrates, Martin Waser, in einer Expertenrunde Zweifel an der behaupteten Quartierverträglichkeit äusserte (TA vom Freitag). Die städtebauliche Einordnung ist eine Forderung des Planungs- und Baugesetzes, nur ist sie im Einzelfall Ermessenssache. Die Hochhäuser der Europaallee beim Hauptbahnhof nehmen die wenigsten in Aussersihl als eingeordnet und verträglich wahr, während die Stadt und die SBB davon überzeugt sind. Der Neubau des Kunsthauses ist für viele Quartierbewohner ein unpassender Riesenklotz; der 118 Meter hohe Swissmill-Silo gilt in Wipkingen als Zumutung und Übergriff.

Gewiss kann man Baubewilligungen nicht den Nachbarn überlassen, denn diese wollen nie eine Veränderung vor ihrem Balkon. Alles, was wir heute als angemessen betrachten, war einst unverhältnismässig gross. Die Universität und die ETH sind so exponiert über der Altstadt – Heimatschutz und Quartierverein hätten alle Bremsen gezogen, wenn es sie damals gegeben hätte.

Grösse allein kann kein Argument gegen Neubauten sein. Was Städteplaner «Massstabssprung» nennen, ist aber leichter zu akzeptieren, wenn dahinter ein demokratischer Wille steht. Die Europaallee, die Kunsthaus-Erweiterung, der Wolkenkratzer-Silo – allen gingen Abstimmungen voraus mit klaren Mehrheiten für die Neubauten.

Gegen alle Instinkte

Dem Berthold dagegen darf das Volk nur zuschauen, obwohl es sich um den stärksten Eingriff ins Stadtzentrum handelt seit dem Abbruch des Kratzquartiers im 19. Jahrhundert. Das widerspricht allen demokratischen Instinkten und macht skeptisch. Mit skeptischem Blick aber wird einem das Projekt immer unheimlicher. Zur Bewältigung des Mehrverkehrs gibt es keine Antworten, nur Utopien, die einen noch skeptischer machen. Aus der FDP im Kantonsrat wird eine Luftkissen-Magnetbahn vorgeschlagen; Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) denkt an Rolltreppen und Rollbänder. Misstrauisch stimmen auch die Visualisierungen der Baumassen, selbst wenn sie noch kein Projekt darstellen: alles quer liegende Riegel ohne Bezug zur Quartierstruktur und zum städtebaulichen und Durchzug fördernden Prinzip, dass an Hanglagen Gebäuderiegel längs zum Tal stehen.

Baudirektor Markus Kägi (SVP) und die Projektverantwortlichen betonen stets, die Bevölkerung werde bei der Planung miteinbezogen. Doch das geschieht auf Ebene der Wünsche. Das Volk kann Einwendungen zu den Gestaltungsplänen der einzelnen Bauetappen machen, aber das sind unverbindliche Anregungen. Wo es wirklich zur Sache geht, hat das Volk nichts zu sagen, weder in der Stadt noch im Kanton. Der Richtplan für das ganze Gebiet wird vom Kantonsrat festgesetzt und vom Bundesrat genehmigt. Die Gestaltungspläne sind Sache des Baudirektors. Sie können von Verbänden oder direkt Betroffenen juristisch angefochten werden, doch vors Volk kommen sie nicht. Einzig gewisse Kreditbeschlüsse des Kantonsrates zu Universitätsbauten sind dem fakultativen Referendum unterstellt.

Selbst wenn das Vorgehen planungsrechtlich so stimmt, für die Bürgerinnen und Bürger ist es unverständlich, dass sie nichts zu sagen haben – sie, die ja sogar darüber abstimmen mussten, ob der Polizeivorsteher künftig Sicherheitsvorsteher heissen soll. Politisch am besten wäre gewesen, wenn nicht der Regierungsrat solo, sondern das Volk den Grundsatz gefällt hätte, dass das Unispital im Zentrum bleiben und wachsen soll. Der Richtplan wäre die nächste Gelegenheit, aber auch die wird verpasst – wegen der gängigen Verfahren. Dabei müsste die Regierung gar nichts fürchten: Wenns um Spitäler geht, sagt das Volk begeistert Ja.