Wird in Zürich rund um die Uni ein ganzer Stadtteil hochgezogen, ohne dafür zu sorgen, dass er als Quartier funktioniert? Eine Einschätzung.

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Man stelle sich vor, jemand hätte ein paar Jahre vor dem ersten Flug zum Mond die Pläne der Nasa betrachtet und entdeckt, dass die Kapsel für die Astronauten fehlt. Und er hätte gefragt: «Warum baut ihr eine Raumfähre, ohne euch zu überlegen wie man die Astronauten reinpackt?» Man stelle sich vor, der Chefdesigner hätte geantwortet: «Das lag unter den gegebenen Umständen ­leider nicht drin.» Und der Programm­leiter hätte ergänzt: «Wir können den Fahrplan deswegen jetzt nicht an­passen, das würde zu teuer. Aber wir lösen das Problem sicher noch.»

Etwa so kam man sich vor, wenn man einer Expertenrunde zuhörte, die sich am Mittwochabend über ein anderes staatliches Jahrhundertprojekt stritt. Die Rede ist vom Totalumbau des Zürcher Hochschulquartiers, einem beispiel­losen Eingriff ins Gewebe der Stadt, den sich Stadt- und Regierungsrat gemeinsam vorgenommen haben. Nur ein Vergleich macht die Dimensionen dieses Unterfangens halbwegs fassbar: Die Europaallee, der neue Stadtteil neben dem Hauptbahnhof, kostet rund 1,5 Milliarden Franken. Das Hochschulquartier nach heutigen Angaben viermal so viel.

«Niemand hat das hinterfragt»

Pikant macht den Expertenstreit, der sich an einem Anlass des Architektur­forums ergab, Folgendes: Bei den Beteiligten handelte es sich um Eingeweihte, die in einer Tiefe Einblick in den aktuellen Stand der Planung haben, wie das der Öffentlichkeit bisher verwehrt blieb. Der Hauptvorwurf der Skeptiker lautet, dass in einem «klandestin wirkenden Verfahren» ein kompletter Stadtteil geplant werde, ohne dass man die Aufgabe dementsprechend an­packe. Statt städtebaulich zu denken und die Chance zu nutzen, ein funktionierendes, lebendiges Quartier zu bauen, seien die Involvierten nur darauf fixiert, den Raum­ansprüchen von Universität, ETH und Unispital gerecht zu werden. Und die hätten sich nicht gerade bescheiden ­gezeigt.

Christoph Haerle, der sich als einer von nur gerade zwei unabhängigen Experten in einem 50-köpfigen Beurteilungsgremium «ziemlich einsam» fühlte, sagte: «Die Besteller verlangen das Maximum, und niemand hat das hinterfragt.» Zugespitzt gesagt, läuft diese Kritik darauf hinaus, dass man in der ersten Bauetappe die vom Unispital verlangten, riesigen Bauvolumen irgendwie ins Quartier quetscht, ohne sich darum zu kümmern, dass dieses daran ersticken könnte.

Dass solche Befürchtungen nicht nur auf Schwarzmalerei beruhen, zeigten zwei Eingeständnisse von unerwarteter Seite. Das erste stammt von Architekt Mike Guyer. Ausgerechnet von jenem Mann also, dessen Büro laut dem kantonalen Amt für Raumentwicklung mit einer Studie nachgewiesen hat, dass das vorgegebene Flächenprogramm «städtebaulich verträglich» umgesetzt werden könne. Er erwiderte den Kritikern einigermassen genervt, dass es ihm gar nicht möglich gewesen sei, die Aufgabe städtebaulich anzugehen. Guyer nannte auch den Grund dafür: Es liege am denkmalgeschützten alten Spitalbau und dem angrenzenden Park mitten im Areal, die man nicht infrage stellen durfte. Dies hatte die Stadt klargemacht, und die einspracheberechtigten Verbände drohten, sonst bis vor Bundes­gericht zu gehen. «Macht euch nichts vor», sagte Guyer an die Adresse jener, die sich im neuen Quartier guten Städtebau wünschen. «Es ist dort unter den gegebenen Umständen extrem eng.»

Das zweite überraschende Eingeständnis kam von Alt-Stadtrat Martin Waser, heute Präsident des Spitalrats, des obersten Führungsgremiums des Unispitals. Es sei Augenwischerei, wenn man im Zusammenhang mit den Neubauten behaupte, diese seien quartierverträglich. «Sie werden von ihren Dimensionen her eine Zumutung fürs Quartier sein», sagte er – womit er meinte, dass dort ein Stadtteil von ganz neuem Massstab entstehe.

Zugleich versuchte Waser, Ängste zu relativieren. Ja, gab er zu, das Spital habe tatsächlich einfach mal möglichst viel Raum für sich reklamiert. «Aber dieses Kleid ist vermutlich zu gross.» Die Bauten dürften daher am Ende ­kleiner ausfallen, und noch sei ja nichts gebaut. Dennoch blieb nach der Ver­anstaltung eine gewisse Ratlosigkeit: Wenn selbst federführende Fachleute finden, dass die Ausgangslage fürs neue Hochschulquartier städtebaulich fragwürdig ist – darf man dann am Fahrplan festhalten? An einem Projekt, das das Gesicht der Stadt auf Generationen ­hinaus prägen wird? Und gibt es überhaupt Alternativen?

Zu spät für einen Neustart

Laut Waser ist der Zug abgefahren. Wenn man jetzt innehalte und von vorn beginne, müsse man 200 Millionen Franken in den Erhalt veralteter Bauten investieren. «Das wäre idiotisch.» Guyer pflichtete bei. Der Prozess dauere schon jetzt zu lang – mit unerwünschten Folgen: Das Spital expandiere an den Flughafen, Uni und ETH bauten ihre Aussenstandorte aus. Waser rät daher zu einer pragmatischen Haltung: Man müsse das Beste aus der Situation machen. Er ist überzeugt, dass die Projekt­wettbewerbe, die 2017 beginnen, zu guten Lösungen führen. Das glaubt auch Kantonsplaner Wilhelm Natrup: «Die Zeit für Städtebau kommt jetzt erst – aufgrund der beschlossenen Grundlagen.»

Damit ruht am Ende die Hoffnung, dass das neue Quartier ein Wurf wird, auf der Eingebung einiger Architekten. Das ist nach einem solch langen, aufwendigen Verfahren ernüchternd.

 

So geht es weiter mit Berthold

Jahrhundertprojekt ohne Abstimmung

So gross wird in Zürich selten angerichtet. Kanton, Stadt, Universität und ETH wollen die Nutzungsfläche der beiden Hochschulen und des Unispitals um 40?Prozent erhöhen. Zahlreiche neue Gebäude würden entstehen, eine neue Strasse, neue Pärke und Plätze. Denkmalgeschützte Häuser müssten weichen. Die Planung für «Berthold» (so der Projektname) reicht bis ins Jahr 2040, frühestens 2023 sollen die ersten Neubauten für das Unispital stehen.

Seit letztem Sommer diskutiert die Baukommission des Kantonsrats über den Richtplan. Dieser setzt den groben Rahmen für das Projekt, etwa die Grösse der Neubauten oder die Erschliessung. Wann man die Beratungen abschliessen werde, sei noch offen, sagt Kommissionspräsident Erich Bollinger (SVP). Man befinde sich mitten in der Arbeit. Nach dem Kantonsratsentscheid wird der Regierungsrat Gestaltungspläne ausarbeiten, welche die Vorgaben des Richtplans für die einzelnen Grundstücke konkretisiert. Läuft alles wie vorgesehen, kann der Kanton 2017 die ersten Architekturwettbewerbe ausschreiben.

Eine Volksabstimmung zum «Jahrhundertprojekt», wie es dessen Befürworter gern nennen, wird es nicht geben. Trotzdem bestehen Mitsprachemöglichkeiten. Die Gestaltungspläne werden öffentlich aufgelegt, alle Stimmbürger dürfen sich dazu äussern. Nachdem der Regierungsrat die überarbeiteten Pläne festgesetzt hat, können bestimmte Gruppen Rekurs einlegen. Weiter besteht die Möglichkeit, gegen die kantonalen Kredite für einzelne Gebäude das Referendum zu ergreifen. Werden genug Unterschriften gesammelt, kommt es zur Volksabstimmung.

Bisher hat keine politische Partei Widerstand angekündigt. Gegen «Berthold» wehren sich allerdings mehrere Gruppen aus Architekten und Bewohnern des Zürichbergs. (bat)