Forscher am Patientenbett, mehr Prävention, kürzere Spitalaufenthalte: Beim Neubau des Universitätsspitals geht es längst nicht nur um den Ersatz der alten Infrastruktur.
Jan Hudec

Der Begriff des Generationenprojekts wird oft zu leichtfertig in den Mund genommen. Bei der Neugestaltung des Hochschulquartiers ist er für einmal angebracht. Was hier geplant ist, wird die Universitäts- und Spitallandschaft für die nächsten Jahrzehnte prägen. Entsprechendes Gewicht haben denn auch die politischen Entscheide, die kurz bevorstehen. In wenigen Tagen soll die zuständige Kantonsratskommission über den Eintrag des Grossprojekts in den Richtplan befinden. Danach wird das Geschäft bald im Parlament behandelt.

Die Führung des Universitätsspitals (USZ) schaut gespannt auf die anstehenden Entscheide. «Wenn das mit dem Eintrag in den Richtplan scheitert, werden wir um zehn Jahre zurückgeworfen», sagt Spitalratspräsident Martin Waser. Das könnte das USZ teuer zu stehen kommen. Die dann erforderlichen Sanierungen und Anpassungen würden sehr hohe Kosten verursachen. Weiter hinauszögern liessen sich diese nicht, die Infrastruktur sei an ihrem Lebensende angelangt. Auf die Kritik namentlich auch aus dem Quartier, es sei bei der Planung zu sehr geklotzt worden, habe das USZ reagiert. «Wir haben die Planung überprüft und konnten die Flächen um 25 Prozent reduzieren und die Volumen um einen Zehntel. Damit sind die Möglichkeiten gegeben, über die Höhenquote zu diskutieren», erklärt Waser. Das bedeutet aber auch, dass die Räume besser ausgelastet werden müssen.

Für das USZ geht es um viel, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Denn mit den neuen Bauten soll auch die medizinische Versorgung neu konzipiert werden. «Die Medizin wird sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern», sagt Gregor Zünd, der neue Direktor des USZ. Statt in erster Linie Krankheiten zu behandeln, wird noch in weit stärkerem Masse als heute Prävention betrieben werden, ist Zünd überzeugt. Wohin die Reise genau gehe, wisse man aber nicht, insofern sei es wichtig, sich bei allen baulichen Massnahmen eine hohe Flexibilität zu erhalten. Abgesehen von dieser Grundmaxime gibt es drei Schwerpunkte in der Weiterentwicklung des USZ:
■ Die Versorgung der Patienten und die Forschung werden künftig an einem Ort stattfinden. Damit sollen medizinische Innovationen viel schneller in die Praxis übergeführt werden können. Gleichzeitig hilft den Forschern die Nähe zu den Spitalbetten, in jene Richtung zu forschen, die den Patienten den grössten Nutzen bringt. Dazu sollen Spital, Universität und ETH näher zusammenrücken. «Es ist zentral, dass wir die Kultur der Zusammenarbeit zwischen USZ, Universität und ETH verbessern», sagt Zünd. Auch die verschiedenen medizinischen Disziplinen sollen künftig weniger klar getrennt sein, heute betreibt das USZ 43 einzelne Kliniken. Stattdessen sollen medizinische Schwerpunkte gesetzt werden mit grossen Zentren unter anderem für die Onkologie und die Infektiologie.

■ Das Spital will im stationären Bereich nicht weiter wachsen. Vielmehr soll die Zahl der Spitalbetten auch dank kürzerer Liegedauer der Patienten verringert werden. Dafür will man sich noch stärker auf die Spitzenmedizin konzentrieren. Damit das möglich ist, muss auch die Grundversorgung in hoher Qualität weiterbetrieben werden.

■ Die ambulanten Bereiche sollen künftig von den stationären getrennt werden. So lässt sich Geld sparen. Denn heute werden die ambulanten Patienten in der teuren Infrastruktur behandelt, die nur für die komplexen Fälle nötig wäre. Ausserdem sollen noch mehr Behandlungen ambulant durchgeführt werden. «Und schliesslich wollen wir die Zeit, in der die Patienten im Spital liegen, stark verkürzen», sagt Zünd. Wie gut sich die Patientenströme aufteilen lassen, wird das Projekt Circle am Flughafen Zürich zeigen. Dort wird das USZ eine Fläche von 10 000 Quadratmetern mieten. Die Hälfte der ambulanten Patienten soll dort behandelt werden. Die Eröffnung ist für 2020 vorgesehen.
Die USZ-Leitung rechnet damit, dass das Spital die Neubauten selbst finanzieren kann, auch dank künftig tieferen Betriebskosten, die sich aus den Strukturanpassungen ergeben. Wenig Geld ist es nicht: Für die erste Bauetappe sind 650 Millionen Franken veranschlagt. Dies sei aber allemal besser investiert als bei der Sanierung alter Gebäude, sagt Waser.

Auf der Wässerwies plant die Universität einen grossen Wurf

wbt. ⋅ Die schieren Dimensionen wecken Unbehagen, das Konzept aber ergibt Sinn: In den nächsten Jahrzehnten will die in die zentrumsnahen Wohnquartiere und bis Schlieren und Oerlikon verästelte Universität Zürich (UZH) dringend benötigten Raum an den beiden Hauptstandorten Irchel und Zentrum schaffen. An diesen Standorten soll ein Konzept von Fachclustern umgesetzt werden. Im Zentrum sind neben allgemeinen Einrichtungen für das Lehren und Lernen die ganze universitäre Medizin, wesentliche Teile der Philosophischen Fakultät, die Wirtschafts-, die Rechtswissenschaftliche und die Theologische Fakultät vorgesehen.

Mit der Realisierung von Neubauten im Gloriarank und in der Wässerwies (siehe Grafik) würden langfristig gegen 50 kleinere Wohn- und Gewerbeliegenschaften in der näheren und weiteren Umgebung wieder für eine angemessenere Nutzung frei. Das ist ein Gewinn für die umliegenden Quartiere. Die Universität würde einerseits davon profitieren, Teil der Stadt zu bleiben, mit der städtischen Wirtschaft und Gesellschaft im alltäglichen Austausch stehen und deren Identität weiterhin mitprägen zu können. Anderseits würde der Campus am Standort Zentrum gestärkt und erhielte die kritische Grösse und Kompaktheit für das Arbeiten in wissenschaftlichen Verbünden und für vielfältige, nicht durch lange Wege begrenzte Studiermöglichkeiten.

Kollegiengebäude der Zukunft

Eine Schlüsselfunktion kommt dabei dem auf der Wässerwies geplanten Gebäudekomplex zu. Grösser als das 1914 bezogene Hauptgebäude, soll er zum «Kollegiengebäude des 21. Jahrhunderts» werden, wie sich Rektor Michael Hengartner gegenüber der NZZ ausdrückt. Die Ansprüche sind hoch: Auch von der architektonischen Gestaltung soll der gegenüber dem Campus- und Spitalpark gelegene Bau zum «dritten grossen Wurf» nach dem Hauptgebäude und dem Campus Irchel werden.

Zentrales Thema des Komplexes ist der wissenschaftliche Austausch – auch über die Grenzen der Institutionen hinweg. Er soll zum eigentlichen neuen Lehr- und Lernzentrum der Universität werden, das beispielsweise der Forderung nach rund um die Uhr zugänglichen Arbeitsplätzen näherkommen kann, als es in den heute rund 60 Kleinbibliotheken im Zentrum möglich ist. Gleichzeitig hat der Komplex zahlreichen anderen Ansprüchen zu genügen: Verpflegung, Krippe, eventuell Detailhändler, Sport (für die Mittelschulen) und Forschung der Geistes-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. «Gärtchen» soll es aber keine geben. Man arbeitet in enger Abstimmung mit den potenziellen Nutzern, darunter dem Universitätsspital (USZ), an flexibel und effizient zuteilbaren Räumen.

Koordinierte Nutzungsplanung

Bauen heisse in diesem Fall auch Organisationsentwicklung der Universität, Arbeit an den kulturellen Aspekten des Verständnisses der eigenen Arbeit, sagt Stefan Schnyder, Direktor Finanzen, Personal und Infrastruktur der UZH. Sollen Professoren noch Einzelbüros haben?, könnte eine Frage im Zusammenhang mit der Planung von Open-Space-Offices lauten. Rektor Hengartner spricht von einer Jahrhundertchance und zitiert dazu Churchill: «We shape our buildings; thereafter they shape us.» Die «Seele» des Hauptgebäudes sei der Lichthof, jene des Campus Irchel der Irchelpark. Auch der Bau auf der Wässerwies bringe zusammen mit dem Park vis-à-vis die Voraussetzung mit, eine identitätsbildende Wirkung zu entfalten – für die Angehörigen der Universität wie für die Quartierbewohner.

Eine zentrale Funktion kommt dem Gebäude aber auch im Hinblick auf die komplexe Staffelung der Bauarbeiten zu. Ohne Wässerwies-Bau kann etwa im Bereich Gloriarank/Häldeliweg nicht gebaut werden. Einerseits sind gewisse Rochadeflächen Bedingung für die Realisierung der Baupläne, anderseits sind die Nutzungsplanungen der beteiligten Partner, allen voran von UZH und USZ, so eng aufeinander abgestimmt, dass die Universität lieber von der Bewirtschaftung eines Gesamtsystems als vom Bebauen erster Areale im Planungsperimeter spricht. So werden etwa die Vorlesungsinfrastrukturen – auch des USZ – im Lehr- und Lernzentrum Wässerwies zusammengefasst, die Forschung der universitären Medizin im Spital und im Gloriarank. Die Planung eines dritten Komplexes an der exponierten Lage Schanzenberg folgt später.