ZÜRCHER HOCHSCHULQUARTIER
Gastkommentar von Heinrich O. Matthias

Vor zwei Jahren präsentierte die Zürcher Regierung ihre Ausbaupläne für das Hochschulquartier. Seither wird immer deutlicher, dass die Bevölkerung diese Dimensionen nicht schlucken will; es hagelt von allen Seiten Kritik. Den Verantwortlichen ist bewusst geworden, dass sie sich mit dem überfrachteten Plan in eine Sackgasse manövriert haben. Seither versuchen sie, mit Pflästerlipolitik hier und da etwas Volumen zu reduzieren, und rechtfertigen ihr Vorgehen mit terminlichen und pekuniären Sachzwängen. Doch man darf sich nichts einreden: Innerhalb des definierten Perimeters und mit dem denkmalgeschützten Universitätsspital, welches das Projekt gegen den Hang drückt, würde auch mit einer massiven Volumenreduktion keine vernünftige Integration ins Quartier gelingen, geschweige denn eine Aufwertung des Hochschulgebiets.

Wie konnte es dazu kommen? Die Ursache ist schlicht: Als die Behörden von Kanton und Stadt die Planungsparameter für das Quartier festlegten, waren zwar die Anforderungen des Denkmalschutzes bekannt. Die Raumprogramme der Universität, der ETH und des Universitätsspitals veränderten sich seither jedoch markant. Als die definitiven Werte auf den Tisch gelegt wurden, zeigte sich, dass sie die Möglichkeiten der Planung sprengten. Einem Tsunami gleich würden die Volumen das Quartier ersticken, weil auch noch das denkmalgeschützte Unispital erhalten werden soll. Man hatte einerseits Angst vor der Prozessfreudigkeit der Denkmalschützer und andererseits nicht den Mut, die Raumprogramme der drei Institutionen infrage zu stellen. So steckte man den Kopf in den Sand, pumpte die gewünschten Volumen hinein und hoffte, mit professioneller Kommunikation werde es gelingen, die Öffentlichkeit zu überzeugen.

Noch ist es nicht zu spät, eine bessere Lösung zu suchen. Die Frage ist: Wie kann man auf städtebaulich befriedigende Art den Anforderungen der drei Königsinstitutionen gerecht werden – Institutionen, die unbestritten die Zukunft der Schweiz bedeuten? Die logische Antwort lautet: Tun wir es den Wissenschaften gleich und schaffen Synergien. Städtebaulich heisst das, die auf dem Gebiet brachliegenden Potenziale aufzuwerten. Entlang der Rämistrasse könnte, wie bereits in früheren Planungen vorgesehen, eine Bildungs- und Kulturmeile zur Universitäts- und zur Sonneggstrasse entstehen. Der Spitalpark kann auch anders geführt werden: Der Planungsperimeter muss erweitert und über den Schutz von Universitätsspital und Park muss vorurteilslos diskutiert werden. Dieser Schutzstatus ist eine Restriktion, die alle Möglichkeiten im Keim erstickt.

Alle als ästhetisch empfundenen Städte bleiben in unserer Erinnerung wegen ihrer einheitlichen Struktur, das heisst wegen der harmonischen Gestaltung ihrer Aussenräume und nicht wegen einzelner Gebäude. Die identitätsstiftenden Bauten sind in die räumliche Struktur eingebettet, und es handelt sich dabei vorwiegend um kulturell genutzte. Also nicht um Zweckbauten wie Spitäler, die der schnelllebigen Technik unterworfen sind und periodisch umgebaut werden müssen. Kontextuell ist das von den Architekten Haefeli Moser Steiger (HMS) entworfene Universitätsspital nicht zwingend relevant, aber es ist ein grossartiger Zeitzeuge der Moderne. Nicht nur sein Konzept, auch seine subtilen Details und Materialübergänge innen und aussen sind erinnerungswürdig. Darum steht es unter Denkmalschutz. Architektur ist aber eine dreidimensionale Angelegenheit. Weil sich der HMS-Bau nach dem Raumkonzept «Form folgt der Funktion» richtet, ist die logische Folge: Die Architektur muss von allen drei Seiten analysiert werden können, sonst wird der Schutz eines Gebäudes zur Farce.

Genau dies geschieht jetzt mit dem Unispital: Es wird durch die geplanten aufdringlichen Anbauten zur zweidimensionalen Kulisse degradiert. Sein Schutz ergibt so keinen Sinn mehr. Würde er seriös durchgesetzt, müssten die neuen Spitalbauten einen ernsthaften Abstand aufweisen. Und dies würde die bestehenden Ziele auch mit massiven Flächenreduktionen vollständig über den Haufen werfen.

Aber in Zürich gibt es einen weiteren Haefeli-Moser-Steiger-Bau: das Kongresshaus. Es besitzt dieselbe Architektursprache wie das Universitätsspital und verfügt damit über alle für den Denkmalschutz ausschlaggebenden Qualitäten. Zudem eignet es sich als Kulturbau erst noch besser als der Zweckbau Universitätsspital, um das Können von HMS in Musse zu bewundern. Seine kürzlich vom Stimmvolk beschlossene Sanierung ermöglicht es, die Einzigartigkeit eines HMS-Baus für die Nachwelt zu erhalten. Das Universitätsspital kann also mit gutem Gewissen abgebrochen und so Platz geschaffen werden für eine höchst wünschenswerte räumliche Verbindung des Spitalparks mit dem Garten der Sternwarte und letztlich eine echte Aufwertung für das ganze Gebiet.

Heinrich O. Matthias ist Architekt und Essayist in Zürich.