Vor dem Entscheid übers neue Hochschulquartier ist vieles geheim. Warum?

Goliath steht in diesem Fall für die geballte Macht von Stadt, Kanton, ETH, Universität und Unispital. Diese fünf Akteure haben sich in jahrelanger Kleinarbeit zu einer gemeinsamen Vision vom Umbau des Quartiers zusammengerauft und wollen diese nun durchsetzen. Dabei agieren sie bisweilen unzimperlich. Etwa, wenn der Zürcher Baudirektor Markus Kägi (SVP) an einer Informationsveranstaltung zu verstehen gibt, es gebe über die Grundzüge des Jahrhundertprojekts nichts mehr zu diskutieren. Und es werde auch keine Volksabstimmung geben.

Die Rolle von David übernimmt derzeit eine «Arbeitsgruppe besorgter Bürger», die gestern zusammen mit dem Zürcher Heimatschutz-Präsidenten Martin Killias zu einer Medienkonferenz an den Tatort eingeladen hat, um zu warnen. Unter anderem mit einer Grafik, die zeigt, wie die Neubauten vom Lindenhof gesehen das Universitätsgebäude überragen würden. Die Kritik ist im Kern die bekannte: zu viel, zu gross, zu wuchtig. Man habe einseitig auf die Raumansprüche von ETH, Uni und Unispital geachtet, ohne sich Gedanken zum Städtebau zu machen. Das Projekt müsse dringend abgespeckt werden.

Alte Kritik, neue Dringlichkeit

Neu ist die Dringlichkeit der Kritik. Denn noch in diesem Jahr wird die vorberatende Kommission des Kantonsrats ihr Urteil über den Richtplan fällen. Dieser gibt den Rahmen fürs neue Quartier vor. Wenn er so durchs Parlament kommt wie von der Kantonsregierung beantragt, wären damit vollendete Tatsachen geschaffen. Es bliebe kaum noch ein politisches Mittel, das Projekt zu redimensionieren. Deshalb appelliert die Arbeitsgruppe nun an den Kantonsrat, die Richtplanvorlage zur Überarbeitung an die Regierung zurückzuweisen.

Das Paradoxe an der aktuellen Situation ist: Der anstehende Entscheid zum Richtplan verleiht der öffentlichen Debatte nicht nur Dringlichkeit, sondern verunmöglicht sie gleichzeitig weitgehend. Solange die Kommission noch an der Arbeit ist, dürfen sich die Projektverantwortlichen wegen des Kommissionsgeheimnisses nämlich nicht zum aktuellen Stand der Planung äussern.

Dabei gäbe es eine Menge zu sagen: Die Ängste der Kritiker beruhen laut diversen Verantwortlichen auf überholten Angaben. Gerade auch, was die Dimensionen der Gebäude angeht. Das wäre zum Beispiel anhand der Gestaltungspläne zu überprüfen, welche die Bauvorhaben konkretisieren – Pläne, die zwar längst vorliegen, aber bis zum Entscheid der Kommission unter Verschluss bleiben. Goliath sind die Hände gebunden.

Die «Arbeitsgruppe besorgter Bürger» wiederum betont, dass sie den Umbau des Hochschulquartiers nicht verhindern wolle – sie wolle ihn nur verbessern. Wenn jedoch der Richtplan abgelehnt wird, droht die mühsam geschmiedete Allianz von Stadt, Kanton, ETH, Universität und Unispital auseinanderzubrechen. Das wäre ein Debakel. Aber was bleibt den Kritikern anderes übrig, als gegen den Richtplan zu rebellieren?

Solange ihnen aktuelle Informationen fehlen, haben sie nur Beteuerungen wie jene von Spitalratspräsident Martin Waser. Dieser sagt, dass das Unispital den Raumbedarf noch einmal durchgerechnet habe und sich das Volumen der Bauten dabei um 10 Prozent reduziert habe. Die maximalen Dimensionen, die der Richtplan im neuen Hochschulquartier erlauben soll und die vielen Angst machen, würden also nicht ausgeschöpft. Anders als ein Richtplan sind solche Worte aber nicht rechtsverbindlich. Architekt Matthias Hürlimann von der Arbeitsgruppe bleibt daher skeptisch: «Ausnutzen werden den Richtplan andere Leute – nicht jene, die heute Versprechungen machen.»

Vertrauen auf 15 Personen

Beide Seiten befinden sich im Dilemma. Wie sollen die Verfechter des neuen Hochschulquartiers die Kritiker überzeugen, wenn sie die Fakten nicht preisgeben dürfen? Und wie sollen die Kritiker den Relativierungen der Befürworter ohne solche Fakten trauen? Diese Verkrampfung wird sich erst dann lösen, wenn der Kommissionsentscheid gefallen ist. Wenn es also zu spät ist für eine öffentliche Debatte. Die Hoffnung ruht damit auf jenen 15 Frauen und Männern, die in der Kommission sitzen. Darauf, dass sie als Volksvertreter in dieser anspruchsvollen Situation die besten Argumente gegeneinander abwägen, bevor sie entscheiden. Und dass sie wo nötig Korrekturen am Richtplan vornehmen.

Diese Hoffnung ist berechtigt: Die Kommissionsmitglieder haben in den letzten Monaten einigen Aufwand betrieben, um alle Seiten anzuhören und sich ein fundiertes Bild zu machen. Und sie können nun weitgehend unbelastet von den Erwartungen ihrer Wähler und Parteiprogrammen miteinander streiten – das ist die positive Seite des Kommissionsgeheimnisses. Trotzdem hätte man bei diesem entscheidenden Projekt, zu dem das Volk ohnehin erstaunlich wenig zu sagen hat, gerne darauf verzichtet.

Alternativen für verkleinertes Hochschulprojekt

Die «Arbeitsgruppe besorgter Bürger» verlangt, das Projekt fürs Hochschul­gebiet innert eines Jahres zu überarbeiten. Primär geht es darum, die Gebäudevolumen im Masterplan zu reduzieren. Nach Aussagen von Projektverantwortlichen genügen kleinere Neubauten. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe wollen daher die maximale Höhe der flachen Neubauten auf 480 Meter über Meer begrenzen, damit sie die alten Hauptgebäude von Universität und ETH nicht überragen. Entschlackt werden soll das Projekt auch, indem die Universität jene Fakultäten an den Aussenstandort im Irchel auslagert, die nicht zwingend Neubauten im Zentrum brauchen. Namentlich solche, die keinen Bezug zur Medizin haben und daher nicht auf die Nähe zum Unispital angewiesen sind – etwa die Wirtschaftswissenschaften oder die Theologie. Um mehr Spielraum zu schaffen, wollen sie zudem die geschützten Spitalbauten der Architekten Häfeli / Moser / Steiger und den Spitalpark teilweise preisgeben.

In diesem Punkt sind sie sich jedoch nicht einig mit dem Zürcher Heimatschutz-Präsidenten Martin Killias, der die Kritik an den «überdimensionierten» Neubauten grundsätzlich teilt. Killias schlägt vor, dass die Uni ihren Bedarf an Büroräumen reduziere, um Platz zu sparen. Als ehemaliger Unidozent wisse er, dass die Büros vieler Professoren oft leer stünden, weil sie zu Hause arbeiteten. Das Universitätsspital, das dieses Phänomen unterbesetzter Büros auch kennt, hat es geschafft, seinen Platzbedarf um 25 Prozent zu verringern – unter anderem durch eine effizientere Bewirtschaftung der Räume. (hub)