Planung Hochschulgebiet

Ein überzeugender Ausbau des Zürcher Hochschulgebiets ist möglich – wenn auf den alten Spitalbau verzichtet wird

 Irène Troxler

Die Grundsätze des Städtebaus wurden bei der Planung des Hochschulgebiets vernachlässigt. Diese Einschätzung teilen Politiker quer durchs Parteienspektrum. Soll man nochmals über die Bücher?

Im September 2014 zeigte der Regierungsrat, wie er sich die Entwicklung des Hochschulquartiers vorstellt. (Bild: PD / Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Im September 2014 zeigte der Regierungsrat, wie er sich die Entwicklung des Hochschulquartiers vorstellt. (Bild: PD / Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Fragt man die Bewohner des Zürichbergquartiers, ob sie die Planung für das Hochschulquartier gelungen finden, so ist die Antwort meist klar: «Nein, zu viele Hochhäuser am Hang, zu dicht, überdimensioniert.» So richtig glücklich scheint niemand zu sein mit diesem ehrgeizigen Projekt. (Verweis) Nun haben die Zweifel auch die Kommission für Planung und Bau des Kantonsrats erreicht. Sie berät gegenwärtig den für den Masterplan Hochschulgebiet notwendigen Eintrag in den kantonalen Richtplan.

Das Potenzial der Rämistrasse

Entzündet hat sich die Debatte an einem städtebaulichen Szenario der drei ETH-Absolventen Florian Baumgartner, Cyrill Dettling und Paolo Giannachi. Sie haben in ihrer Architektur-Masterarbeit etwas ganz anderes gemacht als die vom Kanton beauftragten Planer: Sie erlaubten sich, den alten Spitalbau der Architekten Haefeli Moser Steiger aus den 1950er Jahren zu schleifen. Das ist mutig, denn spätestens seit der verlorenen Abstimmung von 2008 über ein neues Kongresszentrum gelten HMS, wie sie in Fachkreisen genannt werden, als eine Art Stadtheilige. Ihr Kongresshaus von 1939 soll nun für viel Geld renoviert werden, nachdem das Zürcher Stimmvolk das vorgeschlagene Neubauprojekt versenkt hat.

«Auch wir versuchten zunächst, den HMS-Spitalbau zu erhalten», erläutert Paolo Giannachi anhand eines riesigen Modells, das die drei für ihre Masterarbeit angefertigt haben. «Doch dann merkten wir, dass eine prägnante Vision für das Quartier und die Stadt einer offeneren Planung bedarf.» So haben sie das Potenzial der Rämistrasse entdeckt. Indem sie auf den Altbau verzichten, können sie das Universitätsspital an diese Achse stellen – direkt vis à vis der ebenfalls stattlich dimensionierten Universität und der ETH. Bahnhofstrasse und Rämistrasse möchten sie zu einem metropolitanen Ring zusammenschliessen, der die Repräsentativbauten verschiedener Institutionen miteinander verbindet.

Im Modell sehen ihre Bauten ebenfalls voluminös aus, sie sind aber besser placiert, und zwischen den Spitalneubauten öffnen sich immer wieder Sicht- und Weg-Achsen zum Park und ins Zürichbergquartier. Weil keine Erschliessungsstrasse nötig ist, fällt der Park wesentlich grosszügiger aus als im Masterplan, wobei sich die drei Architekten auch einzelne Punktbauten in der Grünfläche vorstellen können. Die Frauenklinik mit ihrem umstrittenen Hochhaus ersetzen die drei Jungarchitekten durch flache, an den Hang gebaute Langhäuser. Zudem, betont Giannachi, hätten sie einen würdevollen Umgang gefunden mit den beiden Baudenkmälern Sternwarte und Anatomiegebäude. Letzteres ist der letzte Zeuge des alten Kantonsspitals aus dem 19. Jahrhundert. Im Masterplan wird die Sternwarte zwischen hohe Bauten eingepfercht und das Anatomiegebäude abgebrochen. Auf Kritik hin soll nun auch eine Integration der Anatomie ins neue Spital geprüft werden.

Modell von Architekten aus der ETH, die einen Gegenentwurf zu den Plänen des Regierungsrates für die Umgestaltung des Hochschulquartiers präsentieren. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Modell von Architekten aus der ETH, die einen Gegenentwurf zu den Plänen des Regierungsrates für die Umgestaltung des Hochschulquartiers präsentieren. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Giannachi hofft, dass die weitere Planung des Hochschulgebiets offen bleibt für die Frage, wie es mit dem HMS-Bau weitergehen soll, und dass Architekten frühzeitig in einem offenen Wettbewerb dieser Fragestellung nachgehen können. Eine Etappierung ist übrigens auch gemäss dem Szenario der drei Absolventen möglich, da man den HMS-Bau stehenlassen könnte, bis der Spitalneubau fertig wäre.

Denkmalschutz-Barriere

In der Kantonsratskommission ist der Vorschlag der Jungarchitekten auf grosses Interesse gestossen, wie verschiedene Mitglieder auf Anfrage bestätigen. «Wir müssen uns Gedanken machen, ob es sinnvoll ist, was mit dem Masterplan auf uns zukommt», sagt Pierre Dalcher (svp., Schlieren). Eigentlich sollte ja der Richtplan die Richtschnur sein für eine solche Planung, merkt er an. «Hier bauen wir den Richtplan aber um sehr enge Vorgaben herum.» Das sei der falsche Weg. Mit den Denkmalschutz-Prämissen sei richtiggehend eine Barriere aufgebaut worden. Die Kommission sei sich aber bewusst, dass die Situation für das Spital dringlich sei. «Die Kunst wird es nun sein, die Wünsche der Bevölkerung so einzubringen, dass nicht die ganze Planung auseinanderbricht.» Auch Andrew Katumba (sp., Zürich) findet die Sichtweise der ETH-Absolventen «erfrischend». Man habe sich in eine unangenehme Lage gebracht, weil man die Bauvolumen nun um den Haefeli-Moser-Steiger-Bau herum ins eng begrenzte Gebiet hinein klemmen müsse. Die heute vorliegenden Pläne fürs Hochschulgebiet seien städtebaulich nicht befriedigend. Allerdings befinde sich das Universitätsspital in einem Wettbewerb und unter Zeitdruck. Daher sei zu befürchten, dass nun Entscheide zulasten der städtebaulichen Qualität gefällt würden. Antoine Berger (fdp., Kilchberg) spricht gar von einem «Befreiungsschlag» der drei Architekten. «Alle stören sich am Erhalt des alten Spitalbaus. Man hätte diese Frage vor zehn Jahren eingehender diskutieren sollen», sagt er. Am klarsten äussert sich Martin Neukom (gp., Winterthur). Die ETH-Absolventen hätten eine viel bessere Lösung präsentiert, die eine Antwort auf alle Kritikpunkte aus der Bevölkerung gebe, sagte er auf Anfrage. Seiner Ansicht nach ist es nicht zu spät, nochmals über die Bücher zu gehen.

Neukom hält es auch für falsch, ein derartiges Grossprojekt an der Bevölkerung vorbeizuplanen. «Würde man den Weg eines privaten Gestaltungsplans wählen, könnte man das Volk befragen», schlägt er vor. Ein Urnenentscheid würde zwar nicht verhindern, dass Heimatschutzkreise den Abbruch gewisser Gebäude gerichtlich anfechten würden. Da es aber letztlich um eine Güterabwägung gehe, habe die öffentliche Meinung ein grosses Gewicht und fliesse auch in einen Gerichtsentscheid mit ein.

Immer eine Güterabwägung

Diese Sicht teilt Heinz Pantli, unabhängiger Denkmalschutz-Experte aus Winterthur. Beim Denkmalschutz gehe es immer um Güterabwägungen. Im konkreten Fall könnte man einen alten Spitalbau, der den Bedürfnissen der Medizin nicht mehr entspreche, opfern. Denn der Ausbau eines der bedeutendsten Medizin-Clusters der Welt, der grossen Einfluss auf das Wohlergehen der Bevölkerung habe, sei wichtiger. In städtebaulich verträglicher Weise könne dieser Ausbau nur bewältigt werden, wenn der Haefeli-Moser-Steiger-Bau weiche und der Spitalpark neu angelegt werde.

Neuer Hochschul-Stadtteil

tox. ⋅ Es ist ein Grossprojekt mitten in Zürichs Herzen: In den nächsten 25 Jahren sollen im Hochschulquartier 4,5 Milliarden Franken investiert werden. Die Nutzflächen von Universitätsspital, ETH und Universität werden sich um bis zu 40 Prozent erhöhen. Von Anfang an wurde dabei die Vorgabe gemacht, dass der alte Spitalbau von Haefeli Moser Steiger aus den 1950er Jahren erhalten werden muss; ebenso der Spitalpark. Dies hat zur Folge, dass der zur Verfügung stehende Raum sehr knapp ist und daher Hochhäuser an den Zürichberghang gebaut werden müssen. Erschlossen werden sollen sie mit einer neuen Strasse, die parallel zur Rämistrasse verläuft. Für die Neubauten des Spitals sind bereits Gestaltungspläne in Arbeit, während die Kommission für Planung und Bau des Kantonsrats noch über den Richtplaneintrag berät. Eine Volksabstimmung ist zumindest für die Spitalprojekte nicht vorgesehen.