Kantonsplaner Wilhelm Natrup und Zürichs Stadtbaumeister Patrick Gmür reagieren auf Kritik an der Planung des Hochschulgebiets

Drei Milliarden Franken sollen in den nächsten dreissig Jahren im Zürcher Hochschulquartier investiert werden. Quartiervertreter und Architekten vermissen ein städtebauliches Konzept. Nun nehmen die Verantwortlichen Stellung.

Ihre Planung für das Zürcher Hochschulquartier steht in der Kritik. Haben Sie mit der Bebauung, die der Masterplan 2014 vorsieht, wirklich das Optimum für Zürich herausgeholt?

Patrick Gmür: «Optimum» ist ein grosses Wort. Die Stadtplanung hat es ja in sich, dass man immer noch besser werden kann und soll. Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Masterplan einen guten Weg gefunden haben, weil es sich nicht um eine abgeschlossene Planung handelt, sondern um einen Rahmen, der laufend verfeinert und verbessert wird.

Es wird kritisiert, es gebe kein städtebauliches Konzept.

Wilhelm Natrup: Wir sind im Hochschulgebietin einer ganz anderen Situation, als wenn wir auf der grünen Wiese planen würden. Es gibt ein bestehendes Strassengeviert, Bestandesbauten und Denkmalschutzobjekte. Städtebau besteht auch darin, sich mit dem Bestand auseinanderzusetzen und eine gute Lösung zu finden. Dazu kommt, dass ein Spitalbau nicht ein Objekt ist, bei dem ein Architekt die freie Form suche kann. Es geht um eine Art Gesundheitsfabrik.

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Die Abhängigkeiten von den funktionalen Abläufen sind enorm. Was wir im Moment machen, ist Stadtplanung. Es geht darum, die verschiedenen Interessen der beteiligten Institutionen aufzunehmen und die Rahmenbedingungen zu setzen. Erst wenn sie klar sind, kann der Städtebau greifen.

 Der Masterplan 2005 war noch wesentlich bescheidener. Wieso hat man nicht eine offene städtebauliche Studie gemacht, als klar wurde, dass auch das Universitätsspital an diesem Standort weitergebautwerden soll?

Natrup: Wenn wir damals ein offenes Wettbewerbsverfahren gemacht hätten, dann wäre man auf eine städtebauliche Lösung gekommen, die gar nicht hätte umgesetzt werden können, weil sie die Anforderungen der Institutionen nicht erfüllt hätte. Davon bin ich überzeugt. Der Masterplan ist ja das Resultat eines jahrelangen Aushandlungsprozesses, der absolut notwendig war.

Gmür: Die Zeit der grossen städtebaulichen Entwürfe aus einer Hand ist vorbei. Unsere Demokratie fordert den Verhandlungsurbanismus. Bei dem Zeithorizont, den wir beim Hochschulquartier vor uns haben, darf man nicht von einer finalen Planung ausgehen. Man formuliert Bedingungen, die später weiterentwickelt werden. Drei Punkte sind für mich zentral im Masterplan: die neue Sternwartstrasse als einfaches Mittel, das rückwärtige Gebiet zu ordnen, der Spitalpark als Grünfläche und der städtebaulich sinnvolle Umgang mit den geschützten Bauten.

Drei ETH-Absolventen schlagen vor, die grossen Volumen an die Rämistrasse zu stellen und den Park nach hinten zu verschieben. In der vorberatenden Kantonsratskommission sehen manche dieses Szenario als Befreiungsschlag. Ist es nicht zumindest diskussionswürdig, das alte Spital zu opfern, um eine städtebaulich bessere Lösung zu gewinnen?

Natrup: Diese Entwürfe haben einen grossen Mangel: Sie berücksichtigen nicht, dass das Unispital bei allen kommenden Bauetappen seinen Betrieb weiterführen muss. Zusätzlich würde durch eine Verschiebung bergwärts der Park an den Rand gedrängt und nicht mehr im Zentrum der drei Institutionen liegen. Wir haben 2009/10 drei Teams drei verschiedene Varianten prüfen lassen:je ein Projekt auf einem Areal in Stettbach, eines an der Rämistrasseunter Freigabe aller Rahmenbedingungen und eines unter weitgehender Berücksichtigung der Schutzobjekte. Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir nicht auf die grüne Wiese wollen. Es wäre auch viel teurer geworden, und man hätte im Zentrum weiterhin ein Versorgungsspital gebraucht. Zudem wäre es in Stettbach kaum ohne aufwendige Enteignungen gegangen.

Warum hat man nicht auf die Variante «Freigabe der Bestandesbauten» gesetzt?

Natrup: Der Mehrwert wäre nicht sehr gross gewesen. In der Interessenabwägung hat man berücksichtigt, dass wir uns auf einen jahrelangen Rechtsstreit hätten einstellen müssen. Wir liessen denkmalpflegerische Gutachten erstellen und waren der Überzeugung, dass unsere Chancen vor Gericht nicht gut stehen würden, wenn wir uns darüber hinwegsetzten. Daher ist der Erhalt des alten Spitals und des geschützten Parks eine der Rahmenbedingungen, die von der Politik gesetzt wurden.

Was ist eigentlich so schützenswert am Spitalbau von Haefeli Moser Steiger?

Natrup: Er ist ein Zeitzeuge des Spital- baus der Nachkriegszeit, der mit seiner städtebaulichen Setzung  und seiner  ge- konnten Architektur überzeugt. Er wur- de in sehr viel Handarbeit gefertigt. Die Holzarbeiten im  Eingangsbereich bei- spielsweise sind etwas Besonderes.

Der Gesundheitscluster ist ein zentrales Projekt für Zürich.  In einer Güterabwä- gung könnte man deshalb auch zum Schluss kommen, dass der Denkmal- schutz  dem nicht im Wege stehen sollte, umso  mehr,  als der  alte Spitalbau  gar nicht  mehr  als solcher  genutzt  werden kann. Hätte man da nicht etwas mutiger sein müssen?

Natrup: Wir haben  abgewogen, wie wir am  besten  Planungssicherheit schaffen können und wie die Gebäude funktional optimal   angeordnet sind.  Wir  suchten nach einem Kompromiss, der an diesem Ort  optimal  funktioniert. Dazu  gehört auch  die  Frage  des  Denkmalschutzes. Das ist dann politisch entsprechend ent- schieden  worden.

Gmür: Die  Krankenzimmer des  alten Spitalbaus können zwar nicht mehr  ge- nutzt werden. Aber für die Spitalverwal- tung  ist das  ein  sehr  funktionales Ge- bäude.   Erhalt oder  Abbruch ist  nicht eine Frage  des Mutes. Wenn  Sie Bevöl- kerungsumfragen oder Abstimmungs- resultate  anschauen,  dann   sehen   Sie, dass  es  besser   akzeptiert  wird,  wenn man wichtige bestehende Bauten erhält. An  grosse  Neubauten müssen  sich die Menschen erst  gewöhnen. Hier  sollten wir pragmatisch sein und das Machbare anstreben.

Grosse Neubauten, die schwer akzeptiert werden, schaffen  Sie trotzdem. Sie legen sie einfach um die Altbauten herum.

Gmür: Man  sollte  das Spital  wie einen Berg  anschauen. In  der  Mitte  darf  es durchaus hoch werden. Der schwierigste Punkt   des  ganzen  Masterplans ist  für mich der Schanzenberg neben  der Uni- versität.  Wenn  wir  dort  ein  Hochhaus bauen,   sieht  man  es  von  der  ganzen Stadt aus.

Die Leute stören sich aber auch stark amSpital-Hochhaus.

Natrup: Daran arbeiten wir gegenwär- tig intensiv.  Das  Hochhaus wird  nicht die im Masterplan vorgesehene Dimension  haben.  Wir  nehmen diese  Kritik sehr ernst.

Im  Moment berät die zuständige  Kan- tonsratskommission den Richtplanein- trag für den Masterplan.  Was sagen Sie jenen Kantonsräten,  die jetzt noch einen offenen  Wettbewerb  fordern?

Natrup: Dass es sich um ein sehr kom- plexes  Projekt  handelt. Ganze   Teams von Spezialisten sind im Moment daran, es  zu  optimieren. Das  könnte man  in einem  Wettbewerb gar  nicht  als  Pro- gramm formulieren, das wäre nicht ziel- führend.  Dialogische und  kooperative Verfahren mit Studienaufträgen sind da besser geeignet, weil man rascher merkt, ob  etwas  funktioniert. Ich  kenne  kein analoges   Projekt  von  dieser   Komple- xität,  das  in einem  Wettbewerb ausge- führt wurde.

Ein  anderer  Kritikpunkt ist  das  soge- nannte Demokratiedefizit. Beim Polizei- und Justizzentrum durfte  das Volk  über ein eigens geschaffenes Gesetz abstim- men. War das hier kein Thema?

Natrup: Das  wurde  geprüft.  Aber  wir können die  Universität und  vor  allem die ETH  nicht in ein solches kantonales Gesetz hineinpacken. Zudem hätte man bereits  die Kosten  fixieren  müssen, was über den ganzen Zeitraum von mehr als dreissig  Jahren nicht  möglich  gewesen wäre. Man konnte auch den Richtplan- eintrag   nicht  dem  Referendum unterstellen.  Das  Bundesgericht hat  dies  in einem  ähnlichen Fall verneint, weil ein solcher Eintrag zu wenig konkret ist.

Gmür: Das Vorgehen bei dieser Planung ist  gesetzlich   vorgegeben.  Das   ist  zu respektieren.  Ich  möchte   daran   erin- nern,   dass  es  eine  grosse  Chance   ist, weltweit führende Hochschulen und ein ebensolches  Universitätsspital  in   der Stadt  zu  haben.   Die  Entwicklung des Hochschulgebiets wird  Zürich  urbaner machen,  und das ist für mich als Stadt- planer   ein  grosser  Gewinn.   Aber   wir müssen  die Diskussion über  die Bedin- gungen     weiterführen,   beispielsweise über die Freiräume und die Mobilität.

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Was wird geschehen, wenn der Zürcher Kantonsrat das Bebauungskonzept doch noch infrage stellt und verlangt, dass man den Erhalt des alten Spitals und eine Verschiebung des Parks nochmals prüft?

Natrup: Wir versuchen aufzuzeigen, dass die einfachen Lösungen nicht zu Ende gedacht sind. Wenn der Kantonsrat nochmals grundsätzlich über die Bücher gehen will, verlieren wir Zeit, was teuer wird. Das Universitätsspital investiert heute jährlich vierzig Millionen Franken in marode Bausubstanz. Es gibt Bauten, die wir bald nicht mehr nutzen dürfen. Es würde also neue Provisorien brauchen.

Gmür: Ich möchte darauf hinweisen, dass die absolute Freiheit keine besseren Lösungen garantiert. Die Architektur lebt gerade in Zürich von der Verbindung zwischen Alt und Neu. Wo das nicht so ist, etwa an der Europaallee, sind wir oft nicht ganz glücklich, weil es dort aussieht wie überall, auch wenn die Architektur gut ist.

Der Grundsatzentscheid soll demnächst fallen

tox. V Man  spricht  zu Recht  von einem Generationenprojekt: Universität, ETH und Universitätsspital haben  ihre Wachstumspläne im Masterplan 2014 vereinigt.  Das  Zürcher Hochschulquartier soll in den nächsten 30 Jahren kräftig wachsen. Geplant sind Investitionen von 3 Milliarden Franken; die  Nutzflächen der drei Institutionen sollen um 40 Prozent  wachsen.  Im Blick haben  die Verantwortlichen dabei insbesondere die fortschreitende Technisierung der Medizin: Dank engerer Zusammenarbeit zwischen  ETH,  Universität und  Spital  soll der  Zürcher Gesundheits-Cluster seine führende Rolle ausbauen. Die erste Bauetappe betrifft   das  neue  Universitätsspital, das an die Gloriastrasse zu liegen kommt. Das Spital aus der Nachkriegszeit  wird zudem von einem hohen Neubau ummantelt, der  hangwärts an eine neue Achse, die Neue Sternwartstrasse,   grenzt.   Auch   Universität  und ETH  planen  voluminöse Neubauten.

Im Quartier hat sich Widerstand formiert gegen das Grossprojekt. Architekten monieren, die grossen Volumina gehörten direkt  an die Rämistrasse, wo sie zusammen mit Universität und ETH aus der Rämistrasse eine neue urbane Achse machen  würden.Zurzeit berät  die Kommission für Planung   und  Bau  den  Eintrag in  den Kantonalen Richtplan, der den Weg frei machen   soll  für  die  einzelnen Gestaltungspläne. Zu reden gegeben hat in der Kommission ein alternatives Szenario dreier  Absolventen der ETH.  Sie haben in  ihrer  Architektur Masterarbeit eine städtebauliche  Studie  gemacht,   in  der die Neubauten an die Rämistrasse zu liegen kämen,  während der Spitalpark da- hinter angelegt würde. Das alte Kantonsspital müsste weichen. Einzelne Kommissionsmitglieder haben  öffentlich gefordert, die Planer  müssten  nochmals über die Bücher.  Die Kantonsratskommission   dürfte    in   den   nächsten Tagen oder Wochen  über den Richtplan beschliessen;  den  abschliessenden Entscheid fällt der Kantonsrat.