ZÜRCHER HOCHSCHULQUARTIER
Gastkommentar
von Sonja Hildebrand

Der Masterplan für das Zürcher Hochschulquartier setzt auf den grossen Wurf. Doch in den öffentlichen Reaktionen überwiegt die Kritik, mit gutem Grund: Nach dem derzeitigen Stand der Planung droht eine städtebauliche Katastrophe. Die Strategie der Verdichtung, mit der auf die von Universität, Universitätsspital und ETH Zürich formulierten Raumbedürfnisse geantwortet werden soll, stösst hier an ihre Grenzen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein übergrosses Raumprogramm den Handlungsspielraum der Architekten und Planer massiv einschränkt.

Das Ergebnis ist entsprechend: Statt klug kalibrierter Verdichtung, die nur bei entsprechenden Spielräumen möglich ist, regiert das Prinzip brachialer Volumen-Maximierung. Die gliedernde Strukturierung einzelner Grossbauten trägt in erster Linie ökonomischen Aspekten Rechnung, denn etappierbare Bauten lassen sich leichter finanzieren. Städtebau ist so etwas nicht. Die drohenden Verluste sind immens. Sich diese vor Augen zu führen, ist umso wichtiger, als auch mit konservatorischen Argumenten für die Planung geworben wird. Doch was ist davon zu halten, dass vom Weiterbestand des denkmalgeschützten Universitätsspitals gesprochen wird, wenn dessen hinterer Teil zum Abriss freigegeben werden soll? Das ist zumindest Augenwischerei und muss als solche alarmieren. Tatsächlich wiegt ein anderer Aspekt noch weitaus schwerer: Die geplanten hohen Neubauten würden die verbleibenden Gebäude – die Poliklinik an der Rämistrasse und die beiden Bettenhäuser – so sehr bedrängen, dass dies ihrer physischen Zerstörung nahe käme. Das, was diese Bauten heute leisten, ihre charakteristische Präsenz im Stadtbild, wäre verloren.

Nun ist Präsenz im Stadtbild kein Wert an sich. Aber beim Universitätsspital lohnt es sich, genauer hinzusehen. Von seinen Architekten in eine singuläre architektonische Form gebracht, ist das Ensemble ein einzigartiges Monument, das uns in historischer Tiefenschärfe «Schweizer» – oder besser: allgemein menschliche – Tugenden vor Augen führt: einen sparsamen und gerade deswegen kreativen Umgang mit den begrenzten materiellen Ressourcen; das Planen für den Menschen, dem das Gebäude angemessen wird, in seinen Proportionen, aber auch in einer architektonischen Ausformulierung, die zum Verweilen einlädt; die sorgfältige Ausrichtung der Gebäude an der Topografie der Stadt, sei sie natürlich oder menschengemacht – Qualitäten, auf die wir weniger denn je verzichten sollten.

Ein kaum zu überschätzendes identitätsstiftendes Potenzial besitzen die Hauptgebäude von ETH und Universität. Beide sind – teils dank, teils trotz späteren Erweiterungen – ikonische Bauwerke. Als Visitenkarten der Stadt geplant, erfüllen sie diese Funktion bis heute. Zürichs Stadtkrone ist sprichwörtlich. Mit Blick auf die laufenden Planungen muss uns vor allem Karl Mosers Universität interessieren, der zweite, fünfzig Jahre nach Gottfried Sempers Polytechnikum eröffnete Monumentalbau auf der Hangterrasse. In seiner Erscheinung deutlich von seinem älteren Nachbarn unterschieden, ist er architektonisch und stadträumlich von gleichrangiger Bedeutung. So etwas gelingt nur sehr selten und quasi nie aus dem Stand. Im Vergleich mit solchen Leistungen sticht die Nonchalance ins Auge, mit der in den letzten Jahren an der Stadtkrone weitergebaut wurde. Und angesichts der gegenwärtig geplanten Volumen und Umrisslinien müssen die Alarmglocken schrillen. Zürich läuft Gefahr, mit der Stadtkrone sein Tafelsilber zu verspielen.

Angesichts der vorhandenen, allenfalls besser zur Geltung zu bringenden Qualitäten des Spitalparks ist ferner zu fragen, wie die Grünfläche, die immer schon öffentlich zugänglich war, an Attraktivität gewinnen soll, wenn sie von hohen und überverdichteten Bauten umgeben ist. Wird der Park «öffentlicher», oder wird er zum Kantinenpark all jener, die in den (kaum übermässig mit Tageslicht gesegneten) Räumen der umliegenden Bauten arbeiten werden? Und welchen Gewinn haben Wohnquartiere, aus denen sich die Hochschulen zurückziehen, wenn der Preis für die Restitution eine metropolitane Nachbarschaft ist?

Nun haben die offensichtlichen Probleme dazu geführt, dass ein erster Schritt zurück getan wurde: Die Baudirektion hat das Ausbauprojekt «etwas redimensioniert» (NZZ 8. 10. 16). Ein solcher Schritt ist kein Einknicken, sondern ein beginnendes Zurückgewinnen von Handlungsspielräumen. Doch ob die Entscheidung, die Sozialwissenschaften nicht im Zentrum, sondern auf dem Campus Irchel unterzubringen, und die Verringerung der geplanten Höhe des neuen Spitalhochhauses von 66 auf 57 Meter genügen, erscheint fraglich. Es braucht dringend ein ausreichend freies Denken in Alternativen. Wenn die Ausgangslage keine echten Alternativen zulässt, dann hilft auch kein Studienauftrag, wie er jetzt ins Auge gefasst wurde. Und es braucht eine ausreichende Kompetenz im Gesamtprozess, die nicht nur planend in die Zukunft schaut, sondern auch auf die historisch gewachsenen Qualitäten des Quartiers. Dabei geht es nicht um einen sturen Traditionalismus, sondern um Kultur, die nicht jeden Tag aufs Neue entsteht. Wenn das Ergebnis nicht befriedigend ist, muss man weiter nachdenken. So viel Freiheit kann sich Zürich leisten.

Sonja Hildebrand ist Professorin für Architekturgeschichte an der Universität von Mendrisio.