Der Kantonsrat veröffentlicht den mit Spannung erwarteten Richtplan fürs Hochschulquartier. Er ermöglicht Hochschulen und Unispital diverse Ausbauten. Zürich wird nicht über Gestaltungspläne abstimmen können.

Daniel Schneebeli

Jetzt hat die Geheimniskrämerei um die Zukunft des Hochschulquartiers am Zürichberg ein Ende. Gestern hat die Kommission Planung und Bau den sehnlichst erwarteten Richtplan-Entwurf für dieses Quartier vorgelegt. Er legt fest, wo und wie sich die ETH, die Universität und das Universitätsspital in den nächsten Jahrzehnten entwickeln können. Und es ist klar: Sie werden in ihren Ausbauplänen nicht sehr eingeschränkt. In den Grundzügen bleibt die Vorlage erhalten, die Baudirektor Markus Kägi (SVP) ausgearbeitet hat. So wurde zwar die maximale Ausnützung des Gebiets leicht reduziert und eine bessere Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr gefordert. Doch maximale Gebäudehöhen wurden keine, konkrete Vorgaben zur Gestaltung des Gebiets wurden kaum gemacht. Gemäss einer Mitteilung hat die 15-köpfige Kommission 21 Sitzungen abgehalten und Vertretungen der Stadt Zürich, des Heimatschutzes, der Quartiervereine und Architekten angehört.

Der Kantonsrat muss allerdings über mehr als ein Dutzend Minderheitsanträge abstimmen. Fast einstimmig hat die Kommission dem überarbeiteten Richtplan zugestimmt, einzig der Vertreter der Grünliberalen, Thomas Wirth (Zürich), stellte einen Rückweisungsantrag. Die Reaktionen auf den Richtplan fallen gemischt aus, Lob kommt von den Bürgerlichen, Kritik von Linken und Grünen.

320 000 Quadratmeter

Das sind die Eckwerte des Richtplans:

Geschossflächen. Die Hochschulen und das Unispital dürfen ihre Gebäudeflächen um total 320 000 Quadratmeter erweitern. Zum Vergleich: Die Verkaufsfläche im Shoppingcenter in Spreitenbach beträgt 78000 Quadratmeter. Baudirektor Kägi hatte 350000 Quadratmeter verlangt, der Antrag zur Reduktion stammte übrigens von seiner SVP. Hintergrund sind neue Planungen von Hochschulen und Spital, in denen der Flächenbedarf vermindert wurde. Grüne und SP verlangen in Minderheitsanträgen weitere Reduktionen der Geschossflächen auf 230 000 beziehungsweise 290 000 Quadratmeter. Explizit will die Kommission eine Diskussion über einen allfälligen Abbruch des denkmalgeschützten Hauptgebäudes des Unispitals von Häfeli-Moser-Steiger ermöglichen. Dieser Antrag ist in der Kommission einstimmig unterstützt worden. Leicht angepasst hat die Mehrheit des Kantonsrats auch die Grenzen des Gebiets. An der Nordecke (Sonneggstrasse) soll ein Spickel aus dem Richtplan-Perimeter ausgeklammert werden. Dieses Gebiet soll als Wohngebiet erhalten bleiben.

Erschliessung. Die Mehrheit der Kommission will das Hochschulquartier besser erschliessen. Sie verlangt eine direkte Anbindung des Gebiets an den Hauptbahnhof, an den Bahnhof Stadelhofen und an den Bahnhof Oerlikon. Auch für die Fussgänger soll das Gebiet einfacher zu erreichen sein, etwa durch eine «attraktive Freitreppe» zwischen Central und ETH. Dazu sollen mechanische Aufstiegshilfen geprüft werden. Hintergrund ist eine Idee von FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger. Er hatte jüngst vorgeschlagen, Rolltreppen oder Förderbänder ins Gebiet zu bauen.

Mitsprache. Eine linke Minderheit verlangt kommunale Gestaltungspläne fürs Hochschulgebiet. In der Stadt Zürich werden diese durchs Parlament oder sogar durch das Volk festgelegt. Der kantonale Baudirektor würde die Gestaltungspläne am Ende noch genehmigen. Die Mehrheit will aber, dass der Kanton die Gestaltungspläne festlegt. Eine politische Mitsprache Zürichs ist dabei nicht möglich. Dies sei angesichts der übergeordneten Bedeutung von Hochschulen ordnungspolitisch richtig.

Gebäudehöhe. Die Mehrheit will keinen Höhenplafond in den Richtplan schreiben. Die Begrenzung der Geschossfläche stelle bereits sicher, dass keine Hochhäuser gebaut werden, zudem würden moderne Spitäler aus betrieblichen Gründen nicht mehr in die Höhe gebaut. Die FDP verlangt in einem Minderheitsantrag dennoch einen Plafond – bei 508 m ü. M. Dies ist immer noch höher als die Kuppel der ETH.


Reaktionen

Zwischen Ernüchterung und Zufriedenheit

Der Richtplanentwurf wird sehr unterschiedlich beurteilt.

Die grössten Gegner haben die Erweiterungsvorhaben der Hochschulen und des Unispitals im Quartier und unter Architekten. Die Arbeitsgruppe besorgte Bürger mit dem Blog Uniklotz.ch hatte den Kantonsrat schon im Juni dazu aufgerufen, die Richtplanvorlage an den Regierungsrat zurückzuweisen. So weit wird es jetzt nicht kommen. Heinz Oeschger, Sprecher der Gruppe, zeigte gestern dennoch Verständnis für die Kantonsräte: «Sie haben immerhin einige Korrekturen in die richtige Richtung vorgenommen.» Konkret bezeichnet Oeschger die festgelegten Geschossflächen aber als viel zu hoch. Zudem vermisst er einen Höhenplafond, der höchstens bei 480 m ü. M. liegen dürfe: «Was darüber liegt, ist städtebaulich nicht verträglich.» «Ernüchtert» reagierte gestern der VCS Zürich. Die Verkehrserschliessung sei ungenügend und zu unverbindlich, speziell jene für die Velos.

«Gewaltiges Demokratiedefizit»

Die Sozialdemokraten kritisieren vor allem die fehlende Mitsprache. Die SP der Stadtkreise 1 und 2 ortet sogar ein «gewaltiges Demokratiedefizit». Das Milliardenprojekt werde starke Auswirkungen auf die Stadt haben, deshalb müssten die Gestaltungspläne von der Stadt und nicht vom Kanton festgelegt werden.

Gleiches fordern auch die Grünen. Sie kritisieren aber vor allem die enormen Bauvolumen, die mit dem Richtplan festgelegt werden. Zudem fordern sie, dass die Universität vertraglich verpflichtet wird, ihre zahlreichen kleinen Immobilien als Wohnraum freizugeben, wenn die Erweiterungen gebaut sind. Die Grünliberalen sprechen von einer leichtfertig vergebenen städtebaulichen Chance. Mit dem Richtplan würden die Weichen falsch gestellt, schreibt die GLP. Richtig wäre es für sie, zuerst einen offenen städtebaulichen Wettbewerb durchzuführen, bevor Planungsgrundlagen festgelegt werden.

Unterstützt wird der Richtplanentwurf von den Bürgerlichen. Die CVP lobt insbesondere, dass den Planern kein zu enges Korsett auferlegt wird. So bleibe ein gestalterischer Spielraum erhalten. Die FDP sieht eine «einmalige Möglichkeit», den Standort Zürich Zentrum zu stärken. Sie ist auch erfreut darüber, dass sich eine Mehrheit für den Erhalt von Parkplätzen starkmachen will. Die SVP ist ebenfalls einverstanden mit der Vorlage und zeigt sich insbesondere zufrieden, dass die Geschossflächen um 30 000 Quadratmeter reduziert worden sind. Sie denkt dabei vor allem an die Kostenüberschreitungen, die bei solchen Grossprojekten drohen.

Daniel Schneebeli