Mehr Bescheidenheit im Hochschulquartier

Die Erweiterungen von ETH, Universität und Universitätsspital in Zürich werden weniger monströs ausfallen als ursprünglich geplant. Stadt und Kanton Zürich haben die maximalen Gebäudehöhen und Geschossflächen für die anstehenden Neubauten deutlich reduziert. Damit kommen sie den Kritikern aus dem Quartier entgegen, die vor einem «Uniklotz» warnen, der ein Quartier und das Stadtbild verunstalte. Ihnen genügen die Anpassungen nicht, und sie verlangen weitere Reduktionen. Zudem fordern sie eine generelle Neuplanung, welche einen Abriss des denkmalgeschützten Spitalgebäudes in Erwägung zieht. (sch)


KommentarMarius Huber,Redaktor Zürich und Region, über das neue Hochschulgebiet.

Verdammt zum Mangelhaften

Das neue Hochschulgebiet im Herzen Zürichs wird nach einem Plan gebaut, der nur die zweitbeste Lösung hervorbringt. Dieser Eindruck bleibt, obwohl gestern die versammelte Elite von Kanton, Stadt, Uni, Unispital und ETH antrat, um alle vom Gegenteil zu überzeugen. Was da als «städtebauliche Exzellenz» verkauft wird, ist reiner Pragmatismus: der Triumph des Machbaren über das Wünschenswerte.

Der neue Stadtteil wird ab Geburt an einem Herzfehler leiden. Logisch wäre es gewesen, seinen baulichen Schwerpunkt nah an die Hauptgebäude von Uni und ETH zu legen. Aber in diesem natürlichen Zentrum herrscht ein faktisches Bauverbot, weil sich dort der alte Spitalbau von Haefeli Moser Steiger samt Park befindet. Dieses Ensemble ist so stark geschützt, dass die Planer des Hochschulgebiets davor zurückschrecken, einen Abbruch zu erwägen. Sie befürchten, sonst nur Zeit vor Gerichten zu verschwenden, ohne etwas zu erreichen. Und Zeit ist gerade fürs Unispital knapp: Es braucht rasch neue Räume, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Bekommt es diese nicht, muss es für Abermillionen Provisorien bauen. Dass man dieses Risiko nicht eingehen will, ist nachvollziehbar.

Weniger nachvollziehbar ist, wie die Planer mit Kritik an der Schwachstelle ihres Projekts umgehen. Die Kritiker seien nur von Eigeninteresse geleitet, wird suggeriert, weil sie in der Nachbarschaft wohnen. Sie wollten nur verhindern, dass die Neubauten wegen der Tabuzone im Zentrum hangaufwärts gedrückt würden, wo sie ihnen in der Aussicht stehen würden. Das mag sein, entkräftet aber nicht die Argumente. Es ist wenig überzeugend, wenn nun der hinter dem Altbau verkeilte Spitalpark als städtebaulicher Glücksfall angepriesen wird, als idealer Central Park. Dürfte ein Stadtplaner einen solchen Park frei von Sachzwängen entwerfen: Er würde ihn sicher nicht so einklemmen.

Ehrlicher wäre deshalb folgende Botschaft: Das ist nicht die ideale Lösung. Sie hat ihre Mängel. Aber es ist die beste, die unter den gegebenen Umständen realisierbar ist. Und daraus machen wir das Optimum.

Genau darum – das muss man den Verantwortlichen zugutehalten – scheinen sie ernsthaft bemüht.


Abgespecktes Milliardenprojekt

Stadt und Kanton Zürich haben die Planung fürs neue Hochschulquartier angepasst. Neubauten sollen weniger wuchtig, Historisches geschont werden. Die Anwohner bleiben unzufrieden.

Daniel Schneebeli

Gleich drei Regierungsräte und zwei Stadträte, der Präsident der Universität, der Präsident des Unispitalrats und der Vizepräsident der ETH überboten sich gestern vor Medienvertretern mit Superlativen. Das Generationenprojekt im Zürcher Hochschulquartier werde «Zürichs Position als Bildungsstandort mit Weltgeltung» festigen, schwärmte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP). Nur die Universitätsstadt Boston könne im Zentrum eine so geballte Ladung von Spitzenhochschulen bieten wie Zürich.

Konkret ging es gestern um die Weiterentwicklung von ETH, Universität und Unispital im Hochschulquartier und die damit verbundenen baulichen Veränderungen. Stadt und Kanton Zürich legten ihren überarbeiteten Masterplan für das 4,5-Milliarden-Projekt vor. Nach Gesprächen mit Experten und Quartiervertretern haben die Projektverantwortlichen die im Juni angekündigten Geschossflächen und Gebäudehöhen reduziert. Möglich war das dank dem Unispital, das den Flächenbedarf um 40 000 Quadratmeter reduziert hat, wie Spitalpräsident Martin Waser sagte. So sei entschieden worden, dass das Spital im Zentrum nicht quantitativ wachsen soll – zusätzliche Betten sind keine geplant. Erweiterungen und Nebenbetriebe werden ausgelagert, an den Flughafen, wo das Spital einen Teil des Circle-Neubaus mietet, und nach Schlieren. Dorthin werden Lager und die Kantonsapotheke verlegt. Die Vertreter der Stadt wollen vor allem erreichen, dass das neue Gebiet quartierverträglich wird. Der Vorsteher des Hochbaudepartements, André Odermatt (SP), setzt seine Hoffungen in den neuen Spitalpark und die öffentliche Nutzung der Erdgeschosse.

Der überarbeitete Masterplan fürs Hochschulgebiet sieht folgende Eckwerte vor:

Dimensionen
35 000 Quadratmeter weniger

Vor allem die erlaubten Maximalhöhen der möglichen Neubauten haben bisher viele Beobachter irritiert. Die Gegner des Projekts verwendeten entsprechende Visualisierungen, um vor dem neuen «Uniklotz» zu warnen. Die Projektverantwortlichen hingegen versicherten stets, dass es sich beim ursprünglich angemeldeten Raumbedarf um Maximalforderungen gehandelt habe. Und diese sind jetzt wie erwähnt noch nach unten angepasst worden. Neu wird mit einer maximalen Geschossfläche von 315 000 statt 350 000 Quadratmetern gerechnet. Laut Baudirektor Markus Kägi (SVP) konnte auch die maximale Höhe der Überbauungen um 9 auf 57 Meter verkleinert werden, was zwei bis drei Stockwerken entspricht. Kägi betonte: «Von der Kirche Fluntern aus wird also die gesamte Albiskette weiterhin zu sehen sein.» Der Richtplanentwurf, der 2017 im Kantonsrat festgelegt wird, verlangt keinen Höhenplafond, aber eine maximale Geschossfläche von 320 000 Quadratmetern.

Der Projektdelegierte des Regierungsrates, Peter E. Bodmer, versicherte gestern: «Wir wollen die Obergrenzen gar nicht ausreizen. Aber sie geben der Architektur einen gewissen Spielraum.» Die Arbeitsgruppe besorgter Bürger Zürich, in der sich Anwohner und Gegner der gegenwärtigen Planung aus dem Quartier zusammengeschlossen haben, verlangt laut einer Mitteilung eine grössere Reduktion auf 280 000 Quadratmeter. Sie sieht insbesondere Universität und ETH in der Pflicht, ihre Platzansprüche zu reduzieren, wie dies das Unispital gemacht habe. Zudem will die Arbeitsgruppe ausschliessen, dass im Quartier Hochhäuser gebaut werden, und verlangt eine Reduktion der maximalen Gebäudehöhen um gut 30 Meter.

Denkmalschutz
Altes Spitalgebäude erhalten

Der alte Zentralbau des Unispitals, entworfen von den Architekten Haefeli Moser Steiger, und der Park dahinter stehen unter Denkmalschutz. Verschiedene Gutachter kamen zum Schluss, dass sich daran kaum rütteln lässt. Das neue Hochschulquartier wird deshalb um dieses Gebäude herum geplant. Kritiker halten das für falsch – unter anderem, weil sich dadurch die grossen Baumassen nach hinten an den Hang verschieben, wo sie umso wuchtiger in Erscheinung treten. Im Richtplanentwurf wurde diese Kritik überraschend aufgenommen. Es wird dort die Möglichkeit eingeräumt, über den Abbruch des Altbaus zu diskutieren. Dieses Angebot wurde gestern von den Betroffenen dankend abgelehnt. Laut Baudirektor Kägi ist der Altbau gut in die Entwicklungspläne des Spitals integrierbar. Auch André Odermatt hofft, dass sich das Projekt durch Denkmalschutz-Debatten nicht verzögere. Ebenfalls erhalten werden sollen die Gebäude der alten Anatomie im Spitalpark. Heinz Oeschger von der kritischen Arbeitgruppe warf den Verantwortlichen gestern Sturheit vor. Mit dem Festhalten an den geschützten Gebäuden werde eine quartierverträgliche Lösung verhindert.

Verkehr
Geringeres Wachstum

Obwohl die Ausbauwünsche abgespeckt wurden, erwartet der städtische Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) ein deutliches Verkehrswachstum. Laut seinen Berechnungen werden rund 16,5 Prozent mehr Personen im Quartier verkehren, wenn alle Neubauten stehen. Zu Spitzenzeiten sollen sich dann bis zu 11 000Personen gleichzeitig vom Central zur Universität hinauf bewegen. Das Wachstum soll ausschliesslich mit dem öffentlichen Verkehr (grössere Trams, zusätzliche Kurse) und mit besseren Fuss- und Velowegen aufgefangen werden. Für die Fussgänger denkt Stadtrat Leutenegger auch an Rolltreppen ins erhöht gelegene Quartier. Der VCS Zürich kritisiert Leuteneggers Verkehrsplanung als «ungenügend und unverbindlich».

Zeitplan
1. Etappe bis 2025 fertig

Vor allem fürs Unispital drängt die Zeit. Die bestehende Infrastruktur ist laut der Spitalführung veraltet. Der Betrieb wäre gefährdet, wenn die Neubauten lange auf sich warten liessen. Käme es zu Verzögerungen, müssten kostspielige Provisorien errichten werden. Wie Projektleiter Peter E. Bodmer gestern sagte, werden die Gestaltungspläne bis Mitte 2017 vorliegen. Anschliessend sollen die Wettbewerbe für das «Uni-Kernareal-Ost» und die Projekte «Wässerwies» und «Gloriapark» gestartet werden. Die erste von drei Bauetappen soll zwischen 2022 bis 2025 realisiert sein, die zweite Etappe bis 2035. Zur dritten Etappe sind noch keine Details bekannt. Die Kritiker des Projekts würden die Planung am liebsten von vorn beginnen, mit einem städtebaulichen Wettbewerb. Politisch werden sie angeführt von den Grünliberalen, die im Kantonsrat die Rückweisung des Richtplans fordern. Sie werden aber chancenlos sein. Die anderen Parteien stehen hinter dem Richtplan.