Beim Milliardenprojekt laufen nun zukunftsweisende Prozesse an – einige mit Bürgermitsprache.

Marius Huber

Das Wort «Bürokratie» hat oft einen abwertenden Beiklang. Aber die Planung des neuen Hochschulquartiers im Herzen Zürichs ist Bürokratie in Vollendung – und die ist auf gewisse Weise nicht minder eindrücklich als andere zivilisatorische Wunder. Kunstvoll wie ein Uhrwerk, in dem alle Zahnräder perfekt getaktet ineinandergreifen. Ein Uhrwerk aus Papier, Plänen und Personal.

Wie das funktioniert, ist seit gestern bekannt, weil die Verantwortlichen von Stadt und Kanton quasi die Abdeckung der Uhr geöffnet und den Blick auf die Mechanik freigegeben haben, die das Milliardenprojekt Hochschulquartier vorantreibt. Sie konnten das tun, weil seit kurzem jene Pièce de Résistance überwunden ist, an der alles hätte scheitern können: der Richtplan. Das ist der übergeordnete planerische Rahmen, den der Kantonsrat Ende Februar nach intensiven Diskussionen abgesegnet hat. Nun, da diese Hürde genommen ist, kommen viele Prozesse in Gang:

1. Gestaltungspläne

Die Vorgaben des Richtplans werden mit sechs Gestaltungsplänen weiter präzisiert. Diese liegen seit gestern im Amt für Städtebau auf. Jeder, der Einwände oder Ergänzungen anbringen möchte, kann sich bis zum 12.Juni dazu äussern.

Die Pläne enthalten Vorschriften wie jene, wonach die neue Sternwartenstrasse hinter dem Unispital das Quartier beleben soll, indem man im Erdgeschoss kleine Läden und Verpflegungsangebote einrichtet. Dass die Flachdächer mit heimischen Pflanzen begrünt werden sollen. Dass der Spitalpark ökologisch aufzuwerten sei. Dass es um das Spital maximal 200 zusätzliche Parkplätze gibt, ohne dass Abgase und Lärm unzulässig steigen. Und vor allem, wie hoch die Neubauten sein dürfen: maximal 57Meter. Zu diesem umstrittensten Punkt steht in den Gestaltungsplänen allerdings nichts, was nicht schon durch den Richtplan bekannt war.

Im Sommer werden alle Einwände beurteilt, danach setzt die Zürcher Baudirektion die ersten Gestaltungspläne fest: jene drei, die das Unispital betreffen, das wegen veralteter Infrastruktur den höchsten Handlungsdruck hat. Darauf folgt eine 30-tägige Rekursfrist – nur noch für Direktbetroffene. Für die Kritiker aus dem Quartier wird das der Moment sein, noch einmal darauf zu pochen, den Abbruch des historischen Spitalbaus von Haefeli Moser Steiger zugunsten einer städtebaulich besseren Lösung zu prüfen – wie das der Kantonsrat im Richtplan festschrieb.

2. Revision der Bau- und Zonenordnung

Parallel zu den Gestaltungsplänen liegt seit gestern auch eine Teilrevision der städtischen Bau- und Zonenordnung fürs Hochschulgebiet im Amt für Städtebau auf. Im Wesentlichen ist es eine Anpassung des Zonenplans an die vorgesehenen Neubauten. Vorgesehen ist aber auch, den Mindestwohnanteil in jenen Villen des angrenzenden Quartiers zu erhöhen, die heute aus Platzmangel von den Hochschulen besetzt sind. Dies, um Druck zu machen für eine Nutzung im ursprünglichen Sinn. Bis zum 12.Juni kann sich jeder zur Vorlage äussern. Danach muss sie vor dem Gemeinderat und der Baudirektion bestehen (wobei beide Entscheide anfechtbar sind).

3. Entlassung Schutzobjekte

Um Platz für die Neubauten zu schaffen, muss ein Dutzend schützenswerter Gebäude weichen. Stadt- und Kantonsregierung werden diese in Abstimmung mit den raumplanerischen Verfahren aus den Inventaren entlassen. Sie stützen ihre Entscheide auf Gutachten von Denkmalpflege und Heimatschutz. Betroffen ist unter anderem die alte dermatologische Klinik des Unispitals. Auch dagegen sind Rekurse möglich.

4. Stadtraumkonzept

Schon seit Herbst erarbeiten drei Teams von Landschaftsarchitekten, Stadtplanern, Verkehrsplanern und Soziologen ein sogenanntes Stadtraumkonzept. Ziel ist es, das neue Hochschulquartier optimal mit den umliegenden Quartieren zu vernetzen, etwa durch die Gestaltung der Freiräume. Die Ergebnisse sollen im Sommer in die Gestaltungspläne einfliessen. Vorher findet noch eine Veranstaltung statt, an der sich künftige Nutzer und Anwohner einbringen können.

5. Runder Tisch

Zürcher Stadträte und Projektverantwortliche des Kantons treffen sich mehrmals mit Vertretern von kritischen Interessengruppen und Quartiervereinen zum Austausch und gemeinsamen Entwickeln von Ideen. An der ersten dieser Veranstaltungen stand die Gestaltung der Freiräume und Grünflächen zwischen den Gebäuden auf der Agenda. Ende Mai findet die letzte statt.

6. Weissbuch

Aus runden Tischen, Stadtraumkonzept und öffentlichen Auflagen gehen auch Vorschläge hervor, die nicht «justiziabel» sind, die sich also nicht in die rechtlich bindenden Gestaltungspläne schreiben lassen. Sie werden fortlaufend in ein sogenanntes Weissbuch aufgenommen. Dieses soll den Architekten später zur Orientierung dienen, wenn es um die konkreten Bauprojekte geht.

7. Vorqualifikation

Mit den Architekturwettbewerben legen die Verantwortlichen nur los, wenn keine bedrohlichen Rekurse gegen die Gestaltungspläne eingehen. Aber schon im Mai findet eine Vorqualifikation für die erste von zwei Wettbewerbsstufen statt: Gesucht werden hoch spezialisierte Teams, die es verstehen, die Neubauten des Unispitals so anzuordnen, dass die komplexen betrieblichen Abläufe funktionieren.

8. Umsetzungsagenda

Peter Bodmer, Projektdelegierter des Regierungsrats, passt die Umsetzungsagenda laufend an alle Verfahren an. Vorgesehen ist, dass zunächst der Spitalbau mit dem neuen Haupteingang an der Gloriastrasse entsteht, dann der erste Neubau der Uni weiter unten, wo sich heute ein Fussballplatz befindet. Beide sollen bis 2027 stehen. Ohne gravierende Rekurse gegen die Gestaltungspläne rechnet Bodmer mit dem Start der Architekturwettbewerbe Ende Jahr.