Uniklotz setzt die letzte Woche begonnene Klimadebatte fort. Unten wird der wissenschaftliche Bericht über die Stadt Graz wiedergegeben. Im Unterschied zu Zürich ist Graz in der Klimathematik seit 1989 unterwegs.

Die AGBB-ZH hat bereits im Jahr 2015 auf die Problematik des massiven Riegels, den das Projekt „Berthold“ zwischen der Innenstadt und den Wohnquartieren am Hangfuss errichten würde, hingewiesen: Sicht, Zirkulation und Klima würden behindert. Der Zürichberg ist vertikal strukturiert, seit dem Mittelalter durch Zuwendung zur Stadt so gewachsen und mit den den Hang hinauf führenden Rampenstrassen um 1900 in der selben Weise weiter konsolidiert worden.

Die konzentrierte und hangparallel angeordnete Baumasse des Projekts „Berthold“ widerspricht der vorgegebenen Stadtstruktur am Zürichberg.

Anfangs 2016 ist diese Kritik der AGBB-ZH ganz offiziell in die Unterlagen der kantonsrätlichen Kommission eingeflossen. Der seit Ratsbeschluss vom Februar 2017 von der Baudirektion nicht beachtete Antrag der kantonsrätlichen Kommission zur Relativierung der HMS-Altbauten des Spitals würde die Erweiterung des Baufeldes um bis zu 50% ermöglich. Damit könnte der Spielraum für eine städtebaulich korrekte  Anordnung der Baumassen  geschaffen werden.

Nur durch die Reduktion und die bessere Verteilung der Baumasse auf ein grösseres Baufeld ist eine gute Lösung für Stadtklima und Städtebau erreichbar.

 Dazu muss der Höhenplafonds für die „Flachbauten“ von 500 auf 480 m ü. Meer herabgesetzt werden und auf die 80 m lange aufgesetzte „Spitalwand“ und den freistehenden „Laborturm“ im Gloriarank ist gänzlich zu verzichten.

Und der 600 m lange Riegel der Flachbauten muss zudem durch Aufspaltung  durchlässig gemacht werden.


«Ein Wandel auch im Klimabewusstsein»

Umweltmeteorologie
Die österreichische Stadt Graz hat politisch verbindlich beschlossen, das urbane Klima zu begutachten. Klimatologe Dominik Piringer koordiniert den umfangreichen Massnahmenplan und die Begrünungsstrategie.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Redaktor TEC21

 

Dominik Piringer ist Atmosphärenphysiker und Referent für Stadtklimatologie, Umweltamt Stadt Graz.

Dominik Piringer ist Atmosphärenphysiker und Referent für Stadtklimatologie, Umweltamt Stadt Graz. Foto: zVg

Klimatop-Plan der Stadt Graz mit der Zuordnung von klimatischen und thermischen Eigenschaften auf die einzelnen Baustrukturen. Plan: Umweltamt Stadt Graz

Klimatop-Plan der Stadt Graz mit der Zuordnung von klimatischen und thermischen Eigenschaften auf die einzelnen Baustrukturen.
Plan: Umweltamt Stadt Graz

TEC21: Herr Piringer, seit etwas mehr als einem halben Jahr arbeiten Sie in Graz als Stadtklimatologe. Was ist Ihre Funktion?
Dominik Piringer: Meine Rolle ist, die Umsetzung der Klimaanpassung in der Stadtverwaltung ­voranzutreiben und zu koordinieren. Die Anpassung beinhaltet ein umfangreiches Paket an Einzelmassnahmen, die im urbanen Grünraum oder im Planungsbereich «Bauen und Wohnen» einzusetzen sind. Der Massnahmenplan überschneidet sich mit sehr vielen Verantwortungsbereichen anderer städtischer Abteilungen. Jedoch sind die Massnahmen verbindlich, da der Gemeinderat, das Stadtparlament von Graz, den Anpassungsbericht letzten Herbst einstimmig gutgeheissen hat. Das erleichtert die Koordination enorm.

TEC21: Wie schnell kommt die Klimaanpassung im Stadtraum von Graz dank Ihnen voran?
Dominik Piringer: Bisher lag es vor allem an mir, mich in relevante Geschäfte einzumischen. Schwierig daran ist, dass Umweltanliegen nicht bei allen Stadtämtern höchste Priorität besitzen. Aber auch mit dem Grundsatzbeschluss ist die Klimaanpassung nun nicht das alles bestimmende Thema. Zudem sind mir die Hände teilweise gebunden. Das Umweltamt, dem ich angegliedert bin, ist weder direkt in die Umsetzung eingebunden noch kann es eigene Gesetze durchsetzen, sondern nur kontrollieren und auf andere Abteilungen einwirken.

TEC21: Aber jetzt rennen Sie offene Türen ein?
Dominik Piringer: Effektiv fliesst das Wissen über das Grazer Stadtklima bereits in grossflächige Stadtentwicklungsprojekte ein. Zudem bin ich inzwischen sehr oft an Projektbesprechungen beteiligt. Was wirklich Fahrt aufgenommen hat, ist die Umsetzung der städtischen Begrünungsstrategie. Das Parlament hat ebenfalls letzten November sogar ein eigenes Förderprogramm dazu beschlossen.

TEC21: Was wird damit gefördert?
Dominik Piringer: Um den urbanen Grünraum auszuweiten, werden Gebäude für eine Dach- und Fassadenbegrünung gesucht. Der Fokus bei der Dachbegrünung liegt auf Hallentragwerken mit Flächen ab mindestens 1000 m2. Pro Objekt können bis zu 40 000 Euro Fördergelder beantragt werden; 10 Euro pro m2 werden ausbezahlt. Bei der Fassadenbegrünung werden Projekte mit einer begrünbaren Mindest­fläche von
50 m2 gefördert, mit gleich hohem Betrag.

TEC21: Das ist sehr viel Geld …
Dominik Piringer: Im europäischen Vergleich ist das eine sehr hohe Förderung. Aber Graz hatte lange Zeit ein Fein­staubproblem. Nun hat das Umweltamt das Glück, ausreichend Fördermittel zur Verfügung zu haben. Neben der Begrünung werden auch klassische Förderprojekte wie thermische Gebäudesanierungen oder Solaranlagen berücksichtigt.

TEC21: Graz hat schon früh lokale Klimaanalysen durchgeführt. Wie beeinflussen diese Grundlagen die eigene räumliche Entwicklung?
Dominik Piringer: Seit 1989 wird die Stadtklima­analyse laufend aktualisiert. Inzwischen ist das ein recht umfang­reiches Werk, wobei die Karte mit den Klima­topen das wichtigste Dokument für die Umsetzung ist. Dabei handelt es sich um eine klimatische Bewertung des Stadtraums. Unter anderem sind die Schneisen für die Frischluftzufuhr in den räumlichen Leit­bildern der Stadtplanung zu berücksichtigen. Die Klimatopkarte wird regelmässig mithilfe von Messfahrten überprüft. Von leichten Veränderungen und zunehmender Bebauung betroffen sind vor allem die Frischluftschneisen.

TEC21: Wie wichtig sind die Schneisen für das Stadtklima?
Dominik Piringer: Wie wichtig intakte Ventilationskorridore sind, hat eine Messkampagne im Sommer 2015 gezeigt. Wir sind am 13. August 2015 um 6 Uhr in der Früh losgefahren. Die Temperatur lag in der Innenstadt über 20.2 °C, was einer Tropennacht entspricht. Während der Messfahrt stadtauswärts sind wir entlang einer durchgängig bebauten Schneise zum Schluss bei rund 13 °C gelandet. Dieser Kühleffekt ist den dahinterliegenden unbebauten Hanglagen zu verdanken. Deshalb ist es wichtig, solche Luftschneisen nicht zu stark zu verbauen. Hangparallele Riegel können den Austausch der Luftmasse und die Kühleffekte zum Beispiel stark mindern. Im Winter entstehen dadurch auch luft­hygienische Probleme, weil ein Luftaustausch unterbunden wird und sich Feinstaub und andere Schadstoffe anreichern.

TEC21: Werden neue Stadtentwicklungsprojekte mikro­klimatisch beurteilt?
Dominik Piringer: Aktuell werden in Graz zwei grosse Entwicklungsgebiete überbaut – das eine ist Smart City und das andere Reininghaus –, die gemeinsam rund 20 000 Einwohner aufnehmen können. An beiden Orten wurde im Vorfeld ein stadtklimatologisches Gutachten erarbeitet, auf dem die Bauausschreibung basiert. In solchen Projekten funktioniert die Zusammenarbeit in der Stadtplanung gut. Meiner Meinung nach verbesserungswürdig sind verbindliche Vorschriften für private Bauträger, etwa zur Begrünung oder zur Einschränkung des Versiegelungsgrads. Oder um mehr Freiflächen zu schaffen, versuchen wir ­Strassenbahntrassen zu begrünen. Darüber wird verwaltungsintern aber noch kontrovers diskutiert.

TEC21: Worin besteht diese Kontroverse?
Dominik Piringer: Die wirtschaftliche Komponente wirkt sich sehr stark auf alle Bereiche aus, die mit Unterhalt und Pflege von Strasseninfrastruktur zu tun haben. Eine Begrünung wird oft als teuer eingeschätzt. Daher erkenne ich viel Arbeit für die Aufklärung und Information unsererseits. Ein Demonstrationsobjekt ist zum Beispiel, Dächer und Fassaden von Tramhaltestellen zu begrünen. Doch das gilt ganz allgemein, das grösste Hemmnis für mehr Klimaanpassung geht von wirtschaftlichen Argumenten aus.

TEC21: Die Luftbelastung wird in Graz als Problem erkannt. Wie sensibel ist die öffentliche Wahrnehmung, was die Minderung der Hitzeeffekte betrifft?
Dominik Piringer: Wir befinden uns gerade im Umbruch. Auch in der Bevölkerung wandelt sich das Klimabewusstsein. Wir spüren immer mehr, dass dieses Thema öffentlich relevant wird. Grundsätzlich weiss man, dass es in der Stadt heisser ist als im Umland. Ob dieses Wissen auch für einzelne Fachbegriffe wie die «urbane Hitzeinsel» gilt, darf durchaus bezweifelt werden. Doch eigentlich ist es eine Forderung aus der Bevölkerung, etwas gegen die zunehmende Hitze in der Stadt zu unternehmen. Und bei den Lokal­wahlen vor wenigen Wochen haben praktisch alle politischen Fraktionen versprochen, mehr Grünraum zu schaffen.