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«Zürich muss wachsen» Tages-Anzeiger vom 04.09.2017

«Hier reichte ein neues Schild, um ein ganzes Quartier zu verändern»: Katrin Gügler auf dem Brupbacherplatz. Foto: Sabina Bobst

«Hier reichte ein neues Schild, um ein ganzes Quartier zu verändern»: Katrin Gügler auf dem Brupbacherplatz. Foto: Sabina Bobst

Wie die neue Stadtbaumeisterin Katrin Gügler das Zürich der Zukunft plant.

Das künfitge Zürich wächst an den Stadträndern und entwickelt sich in ­seiner Mitte. Dafür verantwortlich: die Stadtbaumeisterin. Katrin Gügler hat seit dem Frühjahr dieses Amt inne – inzwischen ist sie mit «ihrer» Stadt und ihrer Aufgabe so weit vertraut, dass sie bereit ist, ihre Idee für die Stadt der ­Zukunft zu erklären.

Die Zukunft beginnt morgen und dauert mindestens 18 Jahre: Mit den Strategien 2035 hat der Stadtrat die groben Linien der Stadtentwicklung definiert.

Die Zukunft und ihre Dauer: Das beschäftigt Gügler. Sie spricht von räumlichem und zeitlichem Zoomen. Wenn man mit ihr rauszoomt, gelangt man zum Schluss: Die Zukunft wird in Zürich fast zu akribisch geplant. Wenn man reinzoomt, zeigt sich im Kleinen, wie sich Zürich im Grossen entwickeln sollte.

Wir treffen Katrin Gügler mittendrin: HB Zürich, Europaallee. Es sind stadträndische Ausmasse, um die die Stadt hier dichter und grösser geworden ist. Glaubt man der Tafel, unter der Gügler im Schatten wartet, ist dieser neue Stadtteil 2020 fertiggebaut. Und Zürich? Wie soll die Stadt weiterwachsen? Was ist Lebensqualität? Und was hat Bauen damit zu tun? Ein Spaziergang soll helfen, diese Fragen zu beantworten.

Mag Zürich an seinen Rändern noch so wachsen, in Schwamendingen, Stettbach, der Manegg – Gügler führt uns über die Kaserne, den Helvetiaplatz und die Kalkbreite an die Weststrasse.

Was gefällt Ihnen an der Europaallee?
Dass hier die Dynamik der Stadt sichtbar wird. Sicher: An diese Massstäbe müssen wir uns erst gewöhnen in Zürich. An der Europaallee kommt man in Zürich an. Hier braucht es diese Dynamik.

Es gibt viel Kritik: Die ­Europaallee sei gesichts- und leblos.
Entlang der Lagerstrasse erleben wir das Gegenteil: Hier haben die SBB – nicht zuletzt auf politischen Druck – sehr viel Wert auf die Gestaltung der Erdgeschosse gelegt. Um das Kleinteilige, Lebendige zu ermöglichen, gibt es eine Anschubfinanzierung. Das strahlt bereits in das Quartier auf der anderen Strassenseite.

Welche Rolle spielt die Stadt für eine solche Entwicklung?
Die Stadt muss sich ihrer Rolle bewusst sein. Hier wurde schon ganz anders verhandelt als etwa noch in Zürich-Nord, gerade punkto Erdgeschossnutzung.

Wie gross ist der Einfluss der Stadt überhaupt?
Gross. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise realisieren die SBB nun gemeinnützigen Wohnungsbau.

Ist die Europaallee architektonisch eine Bereicherung für Zürich?
Wenn sie 2020 fertig gebaut ist, wird es eine kraftvolle Kombination geben beim HB. Also ja.

Wir gehen durch die Eisgasse Richtung Kasernenareal. Katrin Gügler referiert gerne; während des Gesprächs verschleppt sie das Tempo ihrer Schritte, bleibt stehen – und zoomt. Von der Europaallee in die Kaserne, vom modernen, hektischen Neubauviertel mit Baulärm in die idyllische, ruhige Grünfläche. «Das ist eine besonders spannende Kombination», sagt Gügler. Dort die hohe Dichte mit Neubauten, hier ein denkmalgeschütztes Ensemble mit Freiräumen. «Ein entschleunigter Ort.» Entschleunigung ist auch ein Wort, das Gügler oft braucht, sie sei zentral in einer Stadt. «Solche Kontraste auf engem Raum sind wichtig für das Lebensgefühl.»

Die Regeln des Bestehenden

Katrin Gügler musste nicht lange überlegen, als der Posten der Direktorin des Amts für Städtebau frei wurde. «Zürich ist mein Lebensraum, in dieser Stadt steckt mein Herzblut.» Ebenso grossartig wie die Stadt sei der Job, der alles mit sich bringe, was sie interessiere. «Heute beschäftige ich mich mit dem kantonalen Richtplan. Abstrakter geht es kaum. Morgen ist ein Gestaltungsplan dran. Das ist sehr konkret.»

Wenn ihr alles zu viel wird, geht Katrin Gügler auf den See rudern. Dann denkt sie nicht mehr über Richtpläne, Aus­nützungsziffern und Stadtraum nach, dann gibt es nur noch den See und sie, Ruder eintauchen, durchziehen, entschleunigen.

Auf dem Helvetiaplatz ist gerade Wochenmarkt. Hier zeigt sich im Kleinen, worauf Gügler an der Lagerstrasse aufmerksam gemacht hat: Eine kleine Veränderung entfaltet grosse Wirkung. Das Restaurant Bank mit seiner offenen Terrasse hat den Platz deutlich aufgewertet. Sei das Amtshaus dereinst fertig saniert, werde sich die Qualität dank eines weiteren Cafés nochmals erhöhen, glaubt Gügler. Je mehr die Stadt verdichtet werde, desto wichtiger würden solche weiten, offenen Plätze.

Nun ist das Stichwort zum ersten Mal gefallen: Verdichtung.

Ist es richtig, dass die Stadt ­verdichtet wird?
Ob richtig oder falsch, spielt keine Rolle. Es ist nötig. Die Stadt muss sich entwickeln, sie muss wachsen, um lebendig zu bleiben. Meine Aufgabe ist es, zu ermöglichen, nicht zu verhindern.

Wie stehen Sie zu Hochhäusern?
Sie spielen eine wichtige Rolle. Die maximale Gebäudehöhe von 80 Metern wird in gewissen Gebieten fast zum Standard. Das aktuelle Leitbild stammt von 2003. Es ist an der Zeit, das Thema neu anzuschauen, das Leitbild zu überprüfen.

«Die maximale Gebäudehöhe von 80 Metern wird in gewissen Gebieten fast zum Standard.»

Was ist mit den unschönen ­Nebeneffekten der Verdichtung?
Erstens: Veränderungen werden oft auch als Gefahr wahrgenommen. Diese Ängste beseitigt man nicht mit Schönreden. Zweitens: Verdichtung muss qualitativ hochstehend passieren.

Qualitativ hochstehend? Das ist so technisch, dass man Ihnen ­Schönreden vorwerfen könnte. 
Nehmen wir die Blockrandbauten, die so typisch und so beliebt sind in Zürich. In ihnen lebt man sehr dicht – das funktioniert darum, weil der private und der öffentliche Raum so klar abgegrenzt sind. Wo man sich diesen Fragen nicht stellt, können Probleme entstehen.

Vernachlässigt man diese Fragen?
Das Bewusstsein für den öffentlichen Raum ist nicht überall vorhanden. Dabei wird er wichtiger, wenn wir verdichten.

Ein gutes Beispiel, um dies zu illustrieren, ist die neue Kalkbreite. Das Erdgeschoss des Genossenschaftsbaus öffnet sich hier zum Trottoir hin – das sorge für ein «gutes Stadtgefühl», findet Gügler. Unmittelbar neben der Kalkbreite gibt es einen weiteren Freiraum. Die Gleisschneise Wiedikon-Zürich HB. «Sie bringt Weite in die Stadt», findet Gügler. Den Vorstoss aus der Bevölkerung, den Seebahngraben zu überdecken, findet sie deswegen prüfenswert – vorausgesetzt, die Über­deckung bleibt als Freiraum erhalten.

Wie behalten Stadt und Quartiere bei all der Bauerei ihren Charakter?
Stadtentwicklung darf nicht heissen, dass die Quartiere ihr Gesicht verlieren. Jedes Quartier hat seine Eigenheiten, die müssen wir bewahren. Nur eine durchmischte Stadt ist eine stabile Stadt.

Wie meinen Sie das?
Nehmen wir Schwamendingen als Beispiel für die Gartenstadt. Grünraum umfliesst die Gebäude. Die Entwicklung der letzten Jahre hat überspitzt gesagt zu einem Architekturzoo geführt: Es reihen sich unterschiedlichste Typologien aneinander, die kaum mehr mit der ursprünglichen Struktur aus den 40er- und 50er-Jahren verwandt sind. Diese Quartiere laufen Gefahr, ihre gewachsene Identität zu verlieren.

Wie kann man das verhindern?
Indem wir nach Formen der Bebauung suchen, die die Ideen der Gartenstadt übersetzen und weiterdenken. Dadurch sind sie dann wieder ortsspezifisch.

Wo hat Zürich in der Stadtplanung Fehler gemacht? 
Es steht mir nicht zu, die Vergangenheit zu bewerten. Zürich macht vieles sehr gut, es gibt beim Bauen eine hohe Qualität. Kritisieren kann man allenfalls unsere trägen Planungsprozesse. Ich wünsche mir schnellere Entscheide, wir sollten effizienter werden.

Die Planung wird in Zürich stets bis zur Perfektion getrieben. Was heisst das für das Stadtleben?
Der Stadt täte etwas mehr Freiheit für spontane Entwicklungen im öffentlichen Raum gut. Unsere Plätze sind oftmals hochwertig und bis ins Detail gestaltet. Dafür fehlt die Möglichkeit zur individuellen Aneignung. Aus meiner Sicht könnte es ab und zu etwas «roher» und einfacher sein. Auch Orte brauchen Zeit, um «erwachsen» zu werden.

Wir sitzen nun im Café Salon bei der Brandschenke. An einem Platz ohne Namen, sonst aber zürcherisch perfekt. Wir sind die Weststrasse entlang gelaufen. «Überspitzt gesagt», sagt Katrin Gügler, «reichte hier ein neues Verkehrsschild, um ein ganzes Quartier grundlegend zu verändern.» Das Beispiel lasse sich auf die gesamte Stadtplanung übertragen. Sicher seien da die grossen Linien, die Riesenprojekte – da sei aber auch ganz vieles, das sich im Kleinen verändern lasse.

Welche Visionen haben Sie für Zürich?
Helmut Schmidt soll gesagt haben: «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.» Im Ernst: Meine Vision ist hier nicht gefragt. Eine tragende Vision für eine Stadt kann jedoch nicht von einer einzelnen Person entwickelt werden. Aber klar: Gerne leiste ich dazu meinen Beitrag.


Katrin Gügler

Zurück in die Stadt des Herzens

Katrin Gügler ist seit Anfang April Direktorin des Amts für Städtebau. Die 52-jährige Architektin ETH kehrt aus Winterthur nach Zürich zurück. Dort war sie seit 2007 ­stellvertretende Stadtbaumeisterin. Gügler hat zwei erwachsene Söhne und lebt in Zollikerberg. (TA)

1 Kommentar

  1. h.o.matthias

    Die Erdkugel ist aber endlich..der Glsibe ans stetige Wachstum ist ein ökonomischer Anachronismus…
    .

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