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Was meint Max Frisch? «Mit der Laubsäge gebastelt» – NZZ am Sonntag vom 23.9.2017

Die Hauptfassade des Universitätsspitals in Zürich steht unter Denkmalschutz.

Die Hauptfassade des Universitätsspitals in Zürich steht unter Denkmalschutz.

Das Zürcher Hochschulquartier wird für 4,5 Milliarden Franken neu gebaut. Da für den Denkmalschutz das bestehende Spital unantastbar ist, müssen die Architekten darum herum planen. Doch wie gut ist dieser Bau wirklich?

Von Felix E. Müller

Für die Zürcher Architektenszene gehört das Büro Haefeli Moser Steiger (HMS) zu den Säulenheiligen der Architektur-geschichte. Was das Trio Mitte des 20. Jahrhunderts erbaut hat, wird so wenig hinterfragt wie die Behauptung der Experten, der Swissmill-Tower sei eine wichtige Ergänzung des Zürcher Stadtbildes. Nun ist unbestritten, dass dem Trio mit dem Kongresshaus und der Siedlung Neubühl zwei Bauwerke von anhaltender Bedeutung gelungen sind. Beide brachten auf beispielhafte Weise die Überzeugungen wie die Formsprache des Neuen Bauens in die Schweiz, was eine Aufnahme von HMS in das Pantheon der Schweizer Architektur durchaus rechtfertigt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass einfach alles aussergewöhnlich ist, was Haefeli, Moser und Steiger später gebaut haben. Nähern wir uns mit einer etwas nüchterneren Haltung etwa dem Gebäude, das gemeinhin als ihr drittes Meisterwerk bezeichnet wird: das Zürcher Universitätsspital. Über dieses Bauwerk hat Max Frisch im Jahr 1953 geschrieben: «Selbst Grossbauten, wie beispielsweise unser Kantonsspital, wirken oft, als wären sie mit der Laubsäge gebastelt. Der Umstand, dass unseren Architekten zwischen Idee und Ausführung zuweilen ein Drittel ihres Erdenlebens vergeht, vor allem aber die Erfahrung, dass im grossen und ganzen ja doch immer der Kompromiss siegen wird, führen natürlicherweise gerade den Architekten, der Phantasie hat, zu einer Überzüchtung des Details.»

Nun hat ja Max Fisch in seiner kurzen Phase als aktiver Architekt selbst Gebäude erstellt, die formal eine gewisse Nähe zu HMS verraten. Sie sind ein wenig brav, gepflegt im Detail, leicht retro in der Haltung – genauso wie es die literarischen Frühwerke des angehenden Schriftstellers Frisch sind. Sein Verdikt zum Zürcher Universitätsspital ist da wohl nichts anderes als der Versuch einer Distanzierung von einem als mittlerweile genierlich empfundenen Vorbild.

Immerhin lässt sich das Urteil von Frisch nicht einfach wegputzen, da er vielerorts noch heute für seinen kritischen Blick auf Gesellschaft und Politik verehrt wird. Nimmt man ihn auch in seinem Urteil über das Universitätsspital ernst, dann rührt man automatisch an ein Tabu der Planung für ein neues Hochschulquartier. Der Kanton Zürich plant, in Zusammenarbeit mit der Stadt, der Universität, der ETH und dem Unispital, eine fundamentale Umgestaltung: Für 4,5 Milliarden Franken sollen hier in den nächsten Jahren fast alle Gebäude neu erstellt werden. 315000 Quadratmeter Geschossfläche sind vorgesehen, was unter anderem den Bau von Hochhäusern von 57 Metern erfordert.

All das geschieht am Rand eines Wohnquartiers in Hanglage, das von den Dimensionen der geplanten Gebäude stark betroffen wird. Dies ist umso mehr der Fall, weil das Spitalgebäude an der Rämistrasse unter Denkmalschutz steht, wodurch die grossen Baumassen nach hinten und hangaufwärts gedrängt werden. Der Gedanke, ob denn dieses Spital wirklich so bedeutend sei, dass es unter eine Käseglocke gestellt werden müsse, drängt sich angesichts der negativen Konsequenzen der massiven Baukörper auf die umliegenden Quartiere unweigerlich auf.

Nun wird kein Passant vor diesem Bau stehen bleiben und diesen hingerissen würdigen. Zu diskret, zu unscheinbar fast steht er da, dominiert von den beiden Hochschulen vis-à-vis. Die Schutzwürdigkeit ist folglich mehr den ziselierten Analysen von Architekturhistorikern zu verdanken als einem den Betrachter unvermittelt anspringenden Gesamteindruck. Das war von HMS durchaus so gewollt. Mit dem Bau wurde mitten im Krieg, im Jahr 1941 begonnen. Technisch musste er sich, wie die Zürcher Denkmalpflege schreibt, von der Architektur der Vorkriegszeit unterscheiden: Stahl und Zement waren rationiert, die beiden Schlüsselmaterialien des Neuen Bauens. Zudem war der Verzicht auf jeden Anflug von Monumentalität gewollt, weil so eine Distanz zur Architektur des Nationalsozialismus markiert werden sollte. «Wir wollten ein gemütliches Hotel schaffen», sagte später Rudolf Steiger. Dementsprechend gross ist die Liebe zum Detail, an den Fassaden, aber auch im Innern mit gestalteten Armaturen, sanitären Apparaten und allgemeinem Mobiliar. Zudem trug die Allgegenwart des Baustoffes Holz zum Eindruck der Behaglichkeit bei. Das Spital zeugt zeitgeschichtlich davon, was entstand, als das Neue Bauen mit der geistigen Landesverteidigung der Kriegszeit zusammenprallte: eine Architektur, die später als «Landi-Stil» bezeichnet wurde. Diese Renationalisierung eines architektonischen Internationalismus war es wohl, was Max Frisch nach dem Krieg an diesem Stil und dessen konkreter Ästhetik störte.

In einem Gutachten begründet die Denkmalpflege-Kommission des Kantons Zürich die Unterschutzstellung mit drei Gründen:

• Der Bau sei wichtig, weil er den erstmaligen Versuch darstelle, die Grenzen des Neuen Bauens zu ergründen.

• Historisch sei er eine Erinnerung an die Krisen- und Kriegsjahre.

• Architektonisch zeuge er «von hohem Können und Verantwortungsbewusstsein seiner Architekten, die über die Einsicht in die Wichtigkeit des Details stets das Ganze im Blick behalten haben».

Das ist alles von beträchtlicher argumentativer Subtilität. Man darf die These sicher aufstellen: Wäre das Universitätsspital nicht von Haefeli Moser Steiger, würde man es kaum derart über den grünen Klee loben. Denn dem Stadtflaneur fällt der Bau kaum als ausserordentlich auf. Mindestens nicht als so ausserordentlich, als dass man dafür bei der Planung des neuen Hochschulquartiers so grosse Nachteile für das Stadtbild in Kauf nehmen sollte. Die Bedeutung von Haefeli Moser Steiger ist ausreichend mit den beiden geschützten Bauten Kongresshaus und Siedlung Neubühl dokumentiert.

1 Kommentar

  1. P. Plotin

    Gegen den Tunnelblick der Politik und der Denkmalpflege gilt die gleiche Methode wie bei den Religionen: Das Gleiche immer und immer wieder, – wiederholen ….

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