Uniklotz berichtet

Neun Stadträte stecken den Kopf in den Sand

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Nach der Festsetzung von drei der sechs Gestaltungspläne des Projekts Berthold für das Hochschulgebiet Zürich Zentrum am 29. August 2017 ist klar geworden, dass die Baudirektion des Kantons Zürich, ohne jede Einsicht in die Schwächen des Projekts und in die Gefahren für das Stadtbild, am Gigantismus und an den Hochhäusern festhält.
Der Verein Zukunft Hochschulzentrum AGBB will nun notgedrungen die Verhandlungsbereitschaft der Baudirektion über den Rechtsweg erkämpfen und hat deshalb am 2. Oktober 2017 gegen die drei festgelegten Gestaltungspläne der Baudirektion Rekurs eingelegt.

Inzwischen haben die Parteien ihre Repliken eingereicht. Das kantonale Baurekursgericht hat bemerkenswerterweise den Stadtrat zu einer Stellungnahme eingeladen. Das Baurekursgericht hat erkannt, dass die Stadt Zürich als Standort des Generationenprojekts unabhängig vom Kanton als selbständige Partei zu gelten hat. Dies belegt die Sorgfalt und Konsequenz des Baurekursgerichts, das damit der Stadtbehörde die Chance gibt, eine eigenständige Haltung aus Sicht und im Interesse der betroffenen Bevölkerung und im Bewusstsein der enormen finanziellen Folgen durch Erschliessungsbauten, durch Versorgungslasten der städtischen Werke sowie der Nachteile infolge Lärm und Klimaschäden übernehmen soll. Damit rückt die Stellung des Stadtrats als betroffene Standortgemeinde in den Mittelpunkt. Die Stadt erhält die Möglichkeit, eigene Interessen im Namen der betroffenen Wohnbevölkerung und der Steuerzahler wahrzunehmen und sich nicht weiter im Schatten des Rekursgegners, der kantonalen Baudirektion, um Ihre Verantwortung zu drücken. Am 8. Januar ist nun diese Stellungnahme bei uns eingegangen.

Damit beginnt entgegen unserer Hoffnung ein weiteres Trauerspiel des neunköpfigen Stadtrats:
Der Aufruf des Gerichts ist nicht als Weckruf angekommen. Wie wenn da neun eingespielte Bürokraten am Tisch sitzen würden, wurde die Einladung des Baurekursgerichts umgehend dem zuständigen Sachbearbeiter, Stadtrat André Odermatt, weitergeleitet und damit im Sinne eines Routineaktes der Verwaltung abgebucht. Die Chance für eine Korrektur ist kaum eröffnet auch schon verpasst:

Corinne Mauch steckt als Präsidentin den Kopf in den Sand und verkennt einmal mehr die Bedeutung dieser wohl letzten Chance zum Einstieg in eine Grundsatzdiskussion zum Jahrhundertprojekt. In ihrem zweiseitigen Interview für das begonnene Jahr 2018 im Tagblatt der Stadt Zürich hat sie das 4.5-6-Mia-Projekt mit keinem Wort erwähnt.

Richard Wolf – seines Zeichens Urbanist – und Filippo Leutenegger, beide tragen in der Verkehrsplanung die Hauptverantwortung. Sie stecken aber ebenso den Kopf in den Sand und drücken sich um die völlig ungelösten Transport- und Verkehrsprobleme des Grossprojekts.

Claudia Nielsen scheut sich ebenso, Verantwortung zu übernehmen und steckt den Kopf in den Sand. Als Verantwortliche für die Umwelt weiss sie, dass die Hochhäuser und die langen Gebäuderiegel im Hang völlig ungelöste Probleme erzeugen, dem Stadtklima schaden und die Lebensqualität vermindern.

– Auch Daniel Leupi, Finanzchef der Stadt, steckt seinen Kopf in den Sand. Er wird sich bald mit den Folgekosten des gigantischen Projekts für die Stadtkasse befassen müssen. Es handelt sich um die Folgekosten für Infrastrukturbauten, Erschliessung, Werke und Energie.

Der Stadtrat bietet ein Bild der Verantwortungslosigkeit. Alle scheuen die Auseinandersetzung mit der Materie einerseits und den Kollegen anderseits. Keiner will dem anderen in die Suppe spucken.
Einfacher ist es wegzuschauen und Kollege Odermatt – dem Kanton seit Jahren in Frieden untertänig – weiterwursteln zu lassen. Die Stellungnahme des Stadtrates liest sich wie ein Rechenschaftsbericht eines Buchhalters, welcher alles ordentlich nach den Vorgaben des Chefs aber ohne Kritikvermögen und Weitsicht mitmacht. An den wenigen öffentlichen Veranstaltungen von Markus Kägi sah man ihn jeweils beim Abnicken des grotesken Projekts, jedoch ohne das Gehör für die wachsende Kritik der Bevölkerung.

Inhaltlich erkennt man in der Replik des Stadtrats den Versuch, mit einigen Beispielen von verwirklichten Gestaltungsplänen nachzuweisen, dass die Grössenordnung und Komplexität der sechs Gestaltungspläne des Hochschulprojekts dieses Planungsinstrument rechtfertigen. Dass er dabei mit den Projekten Manegg (Greencity), Stadtraum HB (Europaallee) und Escher-Wyss-Gebiet (Technopark) solche auf Industrie- und Bahnbrachen auswählt, zeigt aber gerade auf, wie anders geartet das Hochschulprojekt im wertvollen und historisch gewachsenen Zentrumsgebiet ist. Dass er aber ausgerechnet noch das Projekt einer Einhausung der Autobahn in Zürich-Nord zur Rechtfertigung heranzieht, beweist die Ahnungslosigkeit der Verfasser gegenüber dem städtebaulich ungleich hochwertigeren und historisch wertvolleren Hochschulgebiet Zürich Zentrum.

Das Baurekursgericht hat die Einladung an den Stadtrat wohl nicht so gemeint, dass dieser es sich so einfach macht und sich darauf beschränkt, die längst bekannten Planungsschritte der Kantonalen Baudirektion aufzuzählen.

Wer reibt wohl dem Stadtrat den Sand aus den Augen und macht ihn auf die verpasste Chance aufmerksam?

Dieser massive Riegel, der die Quartiere von der Stadt trennt, lässt die Kollegialbehörde von Zürich offenbar kalt. Ebenso die Behinderung von Sicht, Zirkulation und Luftaustausch.

Dieser massive Riegel, der die Quartiere von der Stadt trennt, lässt die Kollegialbehörde von Zürich offenbar kalt. Ebenso die Behinderung von Sicht, Zirkulation und Luftaustausch.

4 Kommentare

  1. Felix de Fries

    Das Instrument Gestaltungsplan wurde offensichtlich von Ursula Koch anders verstanden, als es heute von Mitgliedern des Stadtrats verstanden wird. Das sieht man an der Europa-Allee, wo es keinen günstigen Gewerbe- und Wohnnraum gibt und keine öffentlichen Räume, die Wärem ausstrahlen und Begegnung erleichtern. Es gibt keine Bäume an der Lagerstrasse auch auch nicht an der parallelen Allee, aber viele, eng gedrängte, hohe Häuser, die viel Schatten werfen und viel kommerziell-technokratische Architektur. Hier ist also vom Stil her eher eine stalinistische Techno-Allee entstanden, ähnlich wie neue Bauten im Zentrum von Berlin, gegen die, die frühere Stalin Allee (heute Frankfurter Allee) geradezu human wirkt.
    Im Hochschulaurtier ist Ähnliches gepland, das angeblich Zukunfts-gerichtetheit und Fortschritt darstellen soll. Dass die Stadt hier, wie beim PJZ, Gestaltungspläne für einer kantonal vorgegebenen Planung absegnet, obwohl weder der effektive Raumbedarf beim USZ oder Universität klar ist -es fehlt z.B. weiterhin eine verbindliche Spitalliste und Spitalplanung- noch das verfügbare Areal für die Planung, -das frei-werdende Areal des früheren Kinderspitals wurde aus undurchsichtigen Gründen gar nicht in die Überlegungen miteinbezogen- ist schon sehr denkwürdig.
    Darüber, was mit dem frei werdenden Areal des Kinderspitals passieren soll, hören wir vom Stadtrat gar nichts, während jetzt wohl programmiert im Wahlkampf einzelne Parteien aus dem Quartier Bedürfnisse nach Wohnraum anmelden.
    https://www.nzz.ch/zuerich/aktuell/poker-um-das-areal-des-kinderspitals-ld.1351574
    Damit könnte dann dieses Areal nicht mehr für eine oder zwei Kliniken (und Poliklinken) des neuen USZ genutzt weden und so die übermässigen Bauvolumen am Hang vermindern, obwohl es in nächster Nähe zu den Bauten des neuen USZ liegen würde und verkehrsmässig bestens erschlossen ist. Wie beim PJZ, für das aus unerklärlichen Gründen der Standort gar Manegg nicht in Betracht gezogen wurde, soll es also auch beim Zukunfspojekt Bertold undurchschaubare Parameter geben, die für die Planung entscheidend werden, und erst nachher peu à peu gelüftet werden, wobei dann erst im Nachhinein die versteckte Agenda und die ihr zugrunde liegenden Überlegungen sichtbar werden. Dafür werden dann in der Antwort des Stadtrates scheinbar erfolgreiche Planungen angeführt, wie der Turbinenplatz, den bis heute nur sehr wenige Leute benützen, obwohl er sehr viel Unterhalt kostet, oder die Europa-Allee, wo jetzt die pädagogische Hochschule jedes Jahr viel Miete an die SBB bezahlen muss, – etwas weniger als 1 Million Fr. die der Kanton pro Jahr für die Hochschule für Gestaltung in der umgebauten Toni-Molkerei an Allreal zahlt.

  2. Dr. Walter Altherr

    „Wursteln“ ist sicherlich die richtige Bezeichnung für das Handeln der Stadt. Selbst dem kantonalen Baurekursgericht ist dies aufgefallen.

    Da werden für ein Jahrhundertprojekt Richtpläne gezeichnet und sogar bereits Wettbewerbe ausgeschrieben und die Stadt schweigt. Der Umbau der Mauer entlang der Rämistrasse zugunsten eines Velowegs ist ein „Muggenschiss“ im Vergleich zu dem, was sich im Hochschulquartier anbahnt. Aber beim Veloweg ereifern sich alle Parteien unabhängig welchen Couleurs. Auch die Presse verbeisst sich in die Mauer – sogar viel lieber als für Bertold.

    Bei Bertold aber herrscht Einigkeit unter den Politikern – man ist versucht, dies Kumpanei zu nennen ….

    Dabei müssten die Stadtoberen schlaflose Nächte haben!

    Nur schon die Departementchefs des Tiefbauamts und der Industriellen Betriebe
    müssen vor den finanziellen Folgen und noch mehr vor der Machbarkeit einer Erschliessung graue Haare kriegen. Aber auch die Vorsteherin des Gesundheitsdepartements sollte sich bange fragen, ob die Stadt tatenlos zusehen darf, wie eine weitere Überkapazität in der Stadt entsteht.

    Pikanterweise hat die Stadt für das Triemli eine „Task Force“ bestehend aus Vertreter des Stadtrats gebildet, weil es heute nicht mehr verborgen werden kann, dass die Betriebskosten des neuen Spitals nur noch über eine Defizitgarantie der Stadtkasse gedeckt werden kann. Könnte dies nicht auch für Bertold einmal zutreffen?

    Wäre es daher nicht ebenso wichtig, wenn Stadtpräsidentin auch bei Bertold so handeln und ebenfalls für dieses Projekt eine interdisziplinäre Task Force innerhalb des Stadtrats bilden würde und vor allem Stellung beziehen würde.

    Aber eben – im heutigen Stadtrat hat die „Vogel Strauss Politik“ System.

    Der Entscheid, die vom Baurekursgericht eingeforderte Stellungnahme zu Bertold, einfach an der Stadtrat Obermatt zu delegieren, ist sehr billig um nicht zu sagen umprofessionell! Das fehlt doch jegliche ganzheitliche Sicht.

    Das ist übelster Art „Stammtischpolitiik unter Kumpeln“. Doch manchmal wäre es besser, Freunde zu verlieren und sich gegen eine fragwürdige Sache zu stellen.

    Meine Damen und Herren Stadträte bedenkt: Bertold wird die Stadt verändern und ist dem damaligen Plan, das Niederdorf für eine Durchgangsstrasse Central – Bellevue abzureissen, gleich zu stellen. Will das Volk wirklich eine weitere Europa-Allee und dies nun auch am Hang des Zürichbergs?

    Ich hoffe daher, dass die kantonale Beurekurskommission in ihrem Entscheid weise handeln werden.

  3. Regula Lorenz

    Es ist ein Affront gegenüber der Bevölkerung der Stadt Zürich, dass der Stadtrat als Antwort auf die Forderung zu einer Stellungnahme zum Projekt Berthold durch das Baurekursgericht sich darauf beschränkt, durch den Sachbearbeiter Stadtrat André Odermatt die längst bekannten Planungsschritte der Kantonalen Baudirektion und einige Beispiele von anderen Bauten aufzuzählen. Das Projekt kostet die Steuerzahler weit über 4 Milliarden Franken und verdient mehr Beachtung und Rücksichtnahme auf Stadtbild, Stadtklima, Verkehrsführung und Kosten durch den gesamten Stadtrat.

  4. Felix de Fries

    Da sich die Fertigstellung des Circle beim Flughafen verzögert, werden wir für Konsultationen in Polikliniken im kommenden Jahr noch nicht dorthin reisen müssen. Die Vermietungen im Circle seien auf guten Wegen lassen uns seine Betreiber wissen. Wieviel das USZ dort für Miete von Räumen für Polikliniken bezahlen wird, ist ebenso wenig bekannt, wie der Zeitpunkt, an dem diese wieder in Neubauten am Zürichberg domiziliert sein werden.
    https://www.nzz.ch/zuerich/der-circle-wird-spaeter-fertig-ld.1356817

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