Uniklotz berichtet

Stadt im Laufgitter des Kantons?

Stadtrat André Odermatt am Stadtmodell von Zürich (Bild: Tages-Anzeiger 20. September 2018)

Stadtrat André Odermatt am Stadtmodell von Zürich (Bild: Tages-Anzeiger 20. September 2018)

Im September 2018 hat die Stadt Zürich ihren neuen Richtplan vorgestellt. Er umfasst das ganze Stadtgebiet und gibt die Entwicklung in den nächsten Jahren vor.

Es lässt sich schon jetzt sagen, dass Stadtrat André Odermatt und die Stadtbaumeisterin Karin Gügler gute Arbeit geleistet haben.

Gegenwärtig ist Verdichtung angesagt. Die Stadt Zürich hat einen Anteil davon zu übernehmen. Doch darf es nicht dazu kommen, dass sich die Massnahmen in der Stadtstruktur, im Stadtbild und bezüglich dem Stadtklima zerstörerisch auswirken.

Dichte, wo möglich, wo wünschbar, wo unschädlich – mehr nicht.

Es handelt sich um eine zeitgemässe Planung, denn auch das Stadtklima ist berücksichtigt. Es wurde erkannt, dass in Zeiten der Klimaerwärmung dem natürlichen Luftaustausch und der Vermeidung von Strömungshindernissen mehr Gewicht zukommt.

„Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) verspricht: Die Verdichtung der Stadt kommt nur, wenn auch genug Geld für die vielen neuen Pärke und Schulen in die Hand genommen wird“. (Tages-Anzeiger 20. September 2018)

Die umstrittene kantonale Planung für Hochschulen und Spital steht für vieles, das man heute nicht mehr macht: übermässiger Eingriff ins Stadtbild, unvernünftige Verteilung der Bauvolumen und bauliche Strömungshindernisse die sich dem Luftaustausch entgegenstellen und das Stadtklima belasten. Hier zeigt sich, dass es sich um eine ältere Planung handelt. Wer sie verfolgt hat, weiss, dass mehrere Fehlentscheide zu den heutigen Sachzwängen geführt haben.

  • Vorgängige städtebauliche Studie über das tragbare Bauvolumen nie gemacht
  • Unkontrollierte Flächenermittlung der Akteure USZ, UZH und ETH
  • Verschwendung von bestem Bauland im Schwerpunkt unten an der Rämistrasse
  • Kompression und Verlagerung des Bauvolumens den Hang hinauf
  • Klimariegel im Hangfuss des Zürichbergs

Angesichts der zeitgemässen Planung der Stadt Zürich lässt sich ein gewisser Büchsengeruch der älteren kantonalen Planung nicht mehr verbergen.

Die Rekurse und der Entscheid des Baurekursgerichts öffnen die Tür für eine bessere Lösung im Hochschulquartier. Das Gericht fordert die Stadt Zürich auf, die fehlende Grundlage der kantonalen Planung zu schaffen: Eine Bau- und Zonenordnung für das Hochschulquartier. Damit ist der Stadt Zürich der Schlüssel in die Hand gegeben, die fragwürdige und bejahrte Planung des Kantons zu korrigieren. Gegenwärtig ist eine gemeinderätliche Kommission an der Arbeit, dann ist der Gemeinderat und schliesslich der Stadtrat am Zug.

Die Stadt muss sich nicht mehr länger im Laufgitter des Kantons bewegen.

Der Entscheid des Baurekursgerichts zum Rekurs hat ein neues politisches Klima der Hoffnung geschaffen. Das Jahr 2018 bringt jetzt die Chance für ein Generationenprojekt, das Freude macht. Das ist ein grosser Fortschritt gegenüber dem veralteten Konzept der Baudirektion, das hätte durchgewürgt werden sollen.

Karin Gügler, Stadtbaumeisterin von Zürich (Direktorin des Amts für Städtebau).

Karin Gügler, Stadtbaumeisterin von Zürich (Direktorin des Amts für Städtebau).

7 Kommentare

  1. Renato Orengo

    Die drohende Umpflügung des Zürcher Hochschulquartiers ist in diesen Spalten schon reichlich zur Sprache gekommen. Städtebaulich kompetente Leute monierten mehrfach: 1. Hochhäuser gehören nicht in Hanglagen, sondern auf horizontales Gelände. 2. Die Höhen sind generell zu beschränken. 3. Die Durchlüftung der Stadt muss weiterhin radial erfolgen, ein Prinzip, das durch die Riegel entlang der geplanten Sternwartstrasse in Frage gestellt wird. 4. Der bauliche Charakter des Quartiers („Korngrösse“) darf nicht total verändert werden.

    Auch die Verkehrssituation im Hochschulgebiet gibt zu Sorge Anlass. 320’000 Quadratmeter neue Geschossfläche: Wie soll der zu erwartende Verkehr – öffentlich und privat – bewältigt werden? Die untere Gloria- und die ganze Rämistrasse sind gegen Abend heute schon chronisch verstopft. Verdichtetes Bauen bringt Mehrverkehr. Ist vorgesehen, die Rämistrasse und deren Fortsetzung bis in die Enge auf zwei oder drei übereinanderliegende Ebenen zu erweitern?

    Last but not least sei auf das Demokratiedefizit in der ganzen Planung hingewiesen. In der Kantonsverfassung, Art. 33, lit. e steht zwar: „Dem Volk werden auf Verlangen zur Abstimmung unterbreitet: […] Beschlüsse des Kantonsrates von grundlegender Bedeutung, die langfristige Auswirkungen auf die allgemeinen Lebensgrundlagen haben.“ Doch auf einer niedrigeren Stufe (Gesetz? Verordnung?) wurde festgelegt, Richtplaneinträge gehörten nicht vors Volk. Basta. Vielleicht wird der Beschluss des Kantonsrates, ein völlig neues Hochschulquartier aus dem Boden zu stampfen, als von nicht grundlegender Bedeutung angesehen.

    Hier soll speziell vom FORUM der Universität die Rede sein, das man auf der Wässerwies aufrichten will. In der Bibliothek, die es nach Plan enthalten wird, müssen die Bücher an zentraler Stelle erst bestellt werden, bevor sie konsultiert oder gelesen werden können. Das mag für die naturwissenschaftliche Forschung angehen, wo die meisten Publikationen ohnehin und seit Langem in elektronischer Form vorliegen. Die Geisteswissenschaften hingegen arbeiten noch weitgehend mit gedruckten Büchern. Die wissenschaftlichen Zeitschriften werden zwar auch digitalisiert, aber erst Jahre nach Erscheinen der jeweiligen Nummer. Das mag man bedauern, doch handelt es sich da um verlegerische Implikationen, weltweit, die durch den Bau einer unpraktischen Superbibliothek in Zürich nicht aus der Welt geschafft werden. Eine Philologin beispielsweise braucht nicht nur Bücher, die sie längere Zeit benutzt und deshalb ohne weiteres bei der Ausleihe bestellen kann. Sie muss auf Monographien, Beiträge in Sammelwerken, Zeitschriftenartikel, Kongressakten, Editionen zurückgreifen können, die sie während ihrer Arbeit, vielleicht einer Eingebung folgend, punktuell konsultiert, und die innerhalb eines kleinen Radius verfügbar sein müssen. Sie braucht somit den direkten Zugang zum Büchergestell. In den bestehenden Instituten, etwa in der Forschungsbibliothek Jakob Jud oder im Romanischen Seminar ist dieser sichergestellt. Fazit: Auf die geplante FORUM-Bibliothek, die wohl von einem Verwalter am grünen Tisch imaginiert wurde, sollte tunlichst verzichtet werden.

  2. Felix de Fries

    PS: Schon viele Male haben einzelne Planer und Architekten für grössere Gruppen von Menschen ganze Quartiere und Plätze geplant, die am Schluss nicht so benutzt wurden, wie sie es vorgesehen hatten. Bekannte Beispiele waren das Märkische Viertel in Berlin, die Nordweststadt in Frankfurt oder die monumentale Siedlung von Riccardo Bonfil in Paris. Wenn grössere Räume durch einen einzelnen Planer oder Architekten bis ins Detail gestaltet werden können, besteht die Gefahr, dass Interessen, Wünsche, Befindlichkeiten und Vorstellungen von unterschiedlichen Gruppen von Anwohner übergangen werden. Quartiere wachsen erfahrungsgemäss am Besten aus den bestehenden, historischen Formen heraus, welche den BewohnerInnen Beheimatung anbieten, durch kleine Erweiterungen und einzelne neu gestaltete Parzellen, gestaltbare Freiräume und die Umnutzung von bestehenden Gebäuden, Plätzen oder Grünzonen. Immer dann, wenn grössere Räume ohne Beteiligung von AnwohnerInnen gestaltet werden, fühlen sich Stadtbewohner enteignet und geben das Engagement für ihre Nachbarn und ihre Umgebung auf. Wenn Mitgestalgungsmöglichkeiten bestehen, gelingt es manchmal, dass neue Bewohner sich in einer neuartigen Siedlung einrichten und Beziehungen mit ihren neuen Nachbarn knüfen. Das war z.B. in den 1930er Jahren im Neubühl in Wollishofen der Fall oder in der Siedlung Limmat West an der Limmat. In Wohnhochhäusern ohne Arbeits- und Begegnungsräumen und Gärten, wie sie jetzt wieder beim neuen Hardturm-Stadium geplant sind, werden BewohnerInnen aufs Wohnen reduziert, was unweigerlich ihre Isolation zur Folge hat.

  3. Felix de Fries

    PS II
    Die fest geschlossenen Hochhäuser an der Europa Alle, spenden, wie man jetzt sehen kann, den ganzen Tag viel Schatten, so dass es zwischen ihnen schnell sehr kalt wird. Unterschiedlich nutzbare Räume, Begegnungsräume, Gärten oder Terrassen oder neuartige Wohnungen oder Gewerberäume gibt es in ihnen keine, aber viele Läden im Erdgeschoss und der Ladenpassage, für Läden welche zusätzliche Produkte zur Befriedigung des Luxusgüter-Fetischismus anbieten, der die Stadt schon an der Bahnhofstrasse und ihren Seitenstrassen beherrscht, wo es bald keine Warenhäuser und Fachgeschäfte für Normalverbraucher mehr gibt.

    Viel schwerer Güteverkehr, der nicht Zürich als Ziel hat, durchquert die Stadt mit viel Lärm, Abgasen und Feinstaub, zwischen den Autobahnen Basel und Bern-Zürich und den Autobahnen Zürich-Chur und Zürich St. Gallen über die Duttweilerbrücke und dann über die Hohlstrasse und Seebahnstrasse oder über die Hardbrücke, weil das Benützen von Umfahrungen mehr Zeit kostet.
    Die Güterversorgung der Stadt findet ganz auf der Strasse statt. Ein zentraler Güterterminal zum Umladen von Gütern von der Eisenbahn auf die Strasse für die Feinverteilung in der Umgebung konnte neben dem neuen PJZ nicht gebaut werden. Für das Hardfeld, zwischen Hardbrücke und Duttweilerbrücke, wo er dann gebaut werden sollte, gibt es keine entsprechende Planung. Ob dort Räume mit Eisenbahn- und Hochschulanschluss für High-Tech-Firmen entstehen sollen oder Wohnungen lässt die Stadt weiterhin offen. Ebenso ihre Pläne für das Areal der SBB-Werkstätten und das Areal neben dem Schlachthof, der weiterhin in der Stadt bleiben soll. Wie so, wie im Richtplan angesagt, die Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung vermindert werden und Wege (auch für Güter in der Stadt und ihren (neuen Quartieren) klein gehalten werden sollen, bleibt schleierhaft.

    Was die Stadt in jüngster Zeit geplant und gebaut hat, widerspricht also bei Lichte betrachtet, den schönen Worten und Konzepten des neuen Richtplans so sehr, dass sie als Vernebelungsstrategie gegenüber den eigentlichen Plänen der Stadt verstanden werden müssen, die sich am Schluss trotz dem Echoraum Wohnen und anderer Gremien, offensichtlich die absolute Durchsetzung ihrer Projekte vorbehalten will, zu denen es im Vorfeld keine wirkliche Mitbestimmung von Anwohnern geben soll. Man darf gespannt darauf sein, mit welchen Argumenten, Instrumenten und Wortschöpfungen uns diese in den nächsten Jahren „verkauft“ werden sollen.

  4. Felix de Fries

    PS III
    Dass die Stadt weder beim Generationenprojekt Berthold zur Neugestaltung des Hochschulviertels, noch beim Gestaltungsplan Irchel oder beim Abriss von Wohnungen gemeinnütziger Träger, bei denen sie im Stiftungsrat sitzt, und auch nicht bei der Verlegung der Polikliniken des Kinderspitals und der Unispitals in den Circle beim Flughafen einen verbindlichen Dialog mit AnwohnerInnen oder Betroffenen geführt hat, zeigt, dass sie entgegen ihren schönen Ansagen im Programm Wohnen oder im neuen Richtplan, weitermachen will, mit einer Politik der internen Beschlüsse und öffentlichen Verlautbarungen .Ob sie lernfähig ist, wird sich daran zeigen, ob sie einen wirklichen Dialog mit betroffenen Gruppen eingeht. Das dürfte nur mittels Einsprachen möglich werden, wie sie AnwohnerInnen beim Generationenprojekt Berthold gemacht haben.

  5. Felix de Fries

    PS IV Auch beim grossen Projekt der Stadt an der Thurgauerstrasse in Seebach, wo die Stadt in fünf Hochhäusern 700 Wohnungen für 1800 Menschen und ein Altersheim bauen will, hat die Stadt vorgängig keinen Dialog mit AnwohnerInnen im Quartier geführt, die sich jetzt in einer IG Grubenacker organisiert haben. Einen Park mit Wiese und Sportnalagen, der neben diesen massiven, geschlossenen Hochhäusern entstehen soll, sollen nun nach einem Wettbewerb die Landschaftsarchitekten Hager Partner gestalten, die jüngst beim Milliardenprojekt „Circle“ am Flughafen mitgearbeitet haben. Nach der Annahme von zwei Gestaltungsplänen und einer Zonenplanänderung im letzten Frühling, wird hier jetzt generalstabsmässig ein Projekt mit geschlossenen Wohnhochhäusern, ohne Ateliers, Begegnungsräume und begrünten Terrassen durchgesetzt, das an das „Märkischen Viertel“ in Berlin erinnert, das schon kurz nach seiner Eröffnung Anfang der 1970er Jahre zu einem Wohn-Ghetto wurde.

  6. Felix de Fries

    PS V Der Kantonale Gestaltungsplan Irchel, gegen den noch bis zum 11. November Einsprachen erhoben werden können, wurde in enger Zusammenarbeit mit der Direktion der Universität und der Stadt Zürich erarbeitet und ist eng mit der städtischen Bau- und Zonenordnung abgestimmt, die im Bereich Irchel einige Anpassungen vorsieht. Er dient nicht einem Ausbau der Universität auf dem Campus Irchel, der die Verlegung von zusätzlichen Instituten dorthin ermöglicht hätte, und damit eine Entlastung im Bereich der Uni-Zentrum, sondern der zwingenden Durchsetzung des Generationenprojekts Berthold im Hochschulquartier, das dort durch neue Projekte auf der Wässerwies und dem Schanzenberg zuammen mit neuen Hochbauten für das Unispital ein neues Quartier mit hoher Verdichtung erzeugen soll. Gleich wie beim Generationenprojekt Berthold schafften hier die Universität, vertreten durch Michael Hengartner, der Kanton, vertreten durch Markus Kägi und die Stadt Zürich, vertreten durch André Odermatt vollendete Tatsachen, gegen die nur direkt betroffene Anwohner Einsprachen erheben können. Es geht auch nicht, wie angesagt, um den Schutz von Grünzonen, die rund um den Campus Irchel mit dem Zürichberg-Wald und dem Irchelpark reichlich vorhanden sind, sondern um die Durchsetzung der Uniplanung mit starker Verdichtung im Hochschulquartier undneuen Instituten in Oerlikon und Schlieren, die hunderte von Studenten täglich auf weite Wege schicken wird. Damit ist sie ein weiteres Beispiel für eine autokratische Planungspolitik von gewählten Politikern, die keinen Dialog mit AnwohnerInnen und BenützerInnen von geplanten, neuen Strukturen führen wollen.

  7. Felix de Fries

    PS Nr. VI

    Nach dem weiterhin unaufgeklärten Feuersbrunst in den Häusern am Bahnhofquai, welche jetzt die Auskernung der Gebäude erlauben würden, hat die Stadt bisher nichts zum Erhalt ihrer Fassaden gesagt, die sie vorher als eine historische Ansicht von Zürich bezeichnete, die nach ihrer Meinung nach dem Abbruch des Globus-Provisoriums und der Einrichtung eines Parks am Fluss mit Zugang zu einem unterirdischen Laden von Coop, hätte stärker zu Geltung kommen sollen. Bei der gegenwärtig stattfindenden Rennovation des sog. Globus-Provisoriums, für welche die grossen Coop-Leuchtreklamen demontiert werden mussten, tritt die schlichte Schönheit dieses Baus von Karl Egender nach vielen Jahren wieder zu Tage. Eine öffentlich zugängliche Dachterrasse, wie sie vom Bund Schweizer Architekten vorgeschlagen wurde, wird leider gleichzeitig nicht errichtet. Sie würde Mann und Frau eine weite Sicht über den Fluss und die Stadt ermöglichen.

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