Uniklotz berichtet

Ein „Percement“ – Verzweiflungsakt am Zürichberg

Der Durchbruch für die Avenue de l’ Opéra um 1860 in Paris.

Der Durchbruch für die Avenue de l’ Opéra um 1860 in Paris.

Um 1850 erreichte Paris eine Grösse, die es nicht mehr erlaubte mit schmalen gewundenen Strassen weiterzufahren. Der Präfekt Georges-Eugène Haussmann implementierte die breiten Boulevards. Das Mittel waren sogenannte Percements, d.h. Durchstösse durch die herkömmliche Bausubstanz. Auf etwa 100 Meter breiten Streifen wurde Bausubstanz ab dem Mittelalter ersetzt. Die neue Bausubstanz, Verkehrs- und Bewegungsraum formierten sich zu einem grossmaschigen Netz, das die ganze Stadt durchzog.

Was rechtfertigt den von der Baudirektion vorgeschlagenen haussmannschen Durchbruch in der Hanglehne des Zürichbergs? Nicht durch verbrauchte nicht mehr zeitgemässe Bausubstanz soll gepflügt werden, sondern durch Instituts- und Spitalbauten neueren Datums. Vorgesehen ist sogar die Opferung eines relativ neuen Spitaltrakts ganz im Norden. Das ist das Resultat der bekannten Verschwendung von möglichem Baugelände unten in der Ebene und nahe der gut erschlossenen Rämistrasse. Der Preis für die Erhaltung der HMS-Spitalbauten. Das mit zu hohen Sockelbauten und Hochhäusern komprimierte Bauvolumen wird in den Hang hinaufgedrückt und sucht dort verzweifelt eine Struktur: Bereits hoch im Hang wurde 2014 ein nur 22 Meter breiter Boulevard mit Gebäudehöhen von etwa 30 Metern der Öffentlichkeit vorgestellt. Also kein Boulevard, sondern eine Strassenschlucht. Diese neue Sternwartstrasse und die hohen Bauten, die sie begleiten, bilden zusammen einen hohen mehrere hundert Meter langen Riegel mit talseitigen Erhebungen aus dem Terrain von bis über 50 Metern. Das südliche Ende der Strassenschlucht findet sich im kaum begangenen Gloriarank, das nördliche an einem beliebigen Ort der Universitätsstrasse. Die horizontale Lage im Hang macht die volumenbeladene Achse zu einem Klimariegel im Hang. Die für die Belüftung der Stadt Zürich nützlichen Fallwinde oder Thermik haben wenig Chance.

Das „Percement“ fordert seine Opfer auf etwa 500 Metern zwischen Gloriarank und der Universitätsstrasse. Zur Strassenbreite von 22 Metern kommen berg- und talseits die Bautiefen von etwa 65 Metern.

Das „Percement“ fordert seine Opfer auf etwa 500 Metern zwischen Gloriarank und der Universitätsstrasse. Zur Strassenbreite von 22 Metern kommen berg- und talseits die Bautiefen von etwa 65 Metern.

Der Preis dieser städtebaulich widernatürlichen Haltung drückt sich auch in einer stattlichen Zahl von Opferbauten aus:

Das Instituts- und Bürogebäude der ETH an der heutigen Lage der Sternwartstrasse am Gloriarank besteht aus 3 Flügeln, welche neu in den Hof eingebaute Hörsäle für das bergseitig gelegene Gebäude der Elektrotechnik beherbergt.

Das Instituts- und Bürogebäude der ETH an der heutigen Lage der Sternwartstrasse am Gloriarank besteht aus 3 Flügeln, welche neu in den Hof eingebaute Hörsäle für das bergseitig gelegene Gebäude der Elektrotechnik beherbergt.

Die Gebäude des Universitätsspitals für Küche und Personalrestaurant.

Die Gebäude des Universitätsspitals für Küche und Personalrestaurant.

Der dem Hochhaus des Frauenspitals vorgelagerte Trakt mit der Vorfahrt.

Der dem Hochhaus des Frauenspitals vorgelagerte Trakt mit der Vorfahrt.

Der Hörsaal und Trakt Nord im Hintergrund.

Der Hörsaal und Trakt Nord im Hintergrund.

Der Trakt Nord, der neuste Baustein, der in seinem Zentrum durchbohrt würde

Der Trakt Nord, der neuste Baustein, der in seinem Zentrum durchbohrt würde

Der Innenhof des Traktes Nord des Universitätsspitals.

Der Innenhof des Traktes Nord des Universitätsspitals.

Die am nördlichen Ende abgekröpfte Stenwartstrasse würde an dieser zufälligen Stelle in die Universitätsstrasse einmünden.

Die am nördlichen Ende abgekröpfte Stenwartstrasse würde an dieser zufälligen Stelle in die Universitätsstrasse einmünden.

 

Das „Percement“ ist aufwendig, das Resultat im Verhältnis dazu eher bescheiden. Weil hinaufgeschoben, kommen alle Bauten in den Hang zu liegen wie der GLC-Bau der ETH an der Gloriastrasse. Das bedeutet kostspielige Pfahlwände.

bau

Revision der Planung im Bereich auf der Platte:

Im Interesse von Stadtbild und Stadtklima, aber auch im Hinblick auf ein modernes Spitzenspital mit horizontaler Organisation drängt sich eine  Revision der kantonalen Planung im Bereich auf der Platte an der Rämistrasse auf: Hier soll sich das Spital mit grossen Bautiefen und geringer Höhenentwicklung ausbreiten können. Diese Logik vertrat bereits der Kantonsrat in seinem Mehrheitsantrag im März 2017.

Die ausgreifenden dünnen und im Wege stehenden HMS-Trakte müssen weichen. Bei genauer Betrachtung zwei von drei Trakten. Der Trakt, der die Rämistrasse begleitet könnte die Rolle des Eingansbaus übernehmen und die Anliegen von Heimatschutz und Denkmalpflege berücksichtigen. Auf das aufwendige „Percement“ der Sternwartstrasse könnte verzichtet werden.

2 Kommentare

  1. ….genau, wie in der Religion: man muss den Leuten immer wieder das Gleiche sagen alias predigen , bis diese es endlich einsehen alias glauben …

  2. Felix de Fries

    Die geplante Europa-Allee am Zürichberg kann in einer verfahrenen Planung keinen Durchbruch bringen. Weiterhin ist nicht klar, welche Funktionen in den Hochhäusern entlang der schmalen Strasse im neuen Kantonspital untergebracht werden sollen. Klar ist, dass es dort, so wie an der Europa Alle beim Hauptbahnhof, die meiste Zeit sehr schattig sein wird, was die Stimmung für Patienten, Pflegende und Ärzte kaum heben dürfte. Im Gegensatz zur heutigen Frauenklinik, wird es in den etwa gleich hohen und gleich tiefen Hochhäusern eine Aussicht auf die Landschaft und den See nur in den obersten Etagen geben. Wo der Notfall im neuen Spital hinkommen soll, ist nicht klar. Falls das an der neuen Sternwart-Strasse sein soll, dann müssten Ambulanzen über die Rämistrasse, Gloriastrasse oder über die Weinberg-, Sonnegg- und Universitätsstrasse anfahren oder von der Kirche Fluntern her, die über die Berg- und Hochstrasse erreichbar ist. Welche Funktion die HMS Bauten knapp unterhalb der talseitigen Hochhäuser an der schmalen Allee in Zukunft übernehmen sollen ist weiterhin nicht klar. Sollen sie der Rehabilitation dienen oder Polikliniken aufnehmen, die gemäss der heutigen Planung im neuen Ambulatorium Platz finden sollen, das an der Stelle des Zahnärztlichen Instituts an der Plattenstrasse gebaut werden soll, das ja neu auf das Territorium des Kinderspitals gelegt werden soll? Welche Bauvolumen im zukünftigen Universitätsspital wofür benötigt werden, ist davon abhängig, welche Rolle es bei der lokalen und überregionalen Versorgung in Zusammenarbeit mit anderen Spitälern in der Region und bei der Forschung und Lehre übernehmen soll. Monumentalität bringt hier, ganz im Gegensatz zum Boulevard Hausmann, keine Ordnung in eine Zone, die auch in Zukunft äusserst verschiedenartige, möglicherweise wechselnde Aufgaben übernehmen soll. Das würde Bauten bedingen, die für wechselnde Aufgaben und neue Kooperationen/Nachbarschaften leicht umgestaltet werden können. Geschlossene Hochhäuser können das in der heute vorherrschenden Form kaum, wie man an der Europa-Allee beim Hauptbahnhofe erkennen kann.

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